Eiszeit
Das Handy summte. Ina fuhr mit den Händen suchend durch die Kissen und Decken auf dem abgewetzten roten Sofa, das sie vor ein paar Monaten von Lara übernommen hatte, die wiederum das Sofa abgelegt hatte, um sich ein neues zu kaufen. Woher sie das Geld nimmt, dachte Ina. Aber sie war froh über das praktische Ding, das auch als Gästebett dienen konnte oder einfach nur als Liegefläche mit Blick auf den Fernseher. Irgendwo auf dem Sofa in der zerklüfteten Landschaft der Zudecke lag ihr Handy und gab das summende Geräusch des Vibrationsalarms von sich. Ina hatte den Rufton abgestellt, als Myra noch schlief, um sie nicht aus Versehen zu wecken. Die gewollt fröhliche Klingelmelodie hätte ihr jetzt die Suche erleichtert, das vibrierende Brummen war nur schwer zu orten. Ihre Hände fuhren wie Bergexpeditionen durch die Gipfel und Täler in der Hoffnung auf einen Kontakt mit dem Gerät. Plötzlich plumpste das Telefon auf den Boden, nachdem es offenbar durch Inas Rudern über den Rand der Liegefläche gerutscht war. Ina fischte danach und noch in der Bewegung des Aufhebens drückte sie „Annehmen“ in der Sorge, der Anruf könnte von der anderen Seite wegen des endlosen Klingelns beendet werden. „Mama? Guten Morgen. Na, wie geht’s?“ Ina lauschte konzentriert, wobei sie sich das Handy zwischen Schulter und Ohr klemmte und durch die kleine Wohnung hopste, um sich eine warme Jacke zu angeln. Während sie sich in die Jackenärmel wand, ohne dabei das Handy zu verlieren, schaute sie abwesend durch die Fensterscheibe auf die triste Stadtansicht unter ihr, große Wohnblocks in abstoßenden Farben, aschgraue Müllstationen, ein seelenloser, verwaister Kinderspielplatz, darübergelegt ein milchiger Nieselregen. „Ach, Mama. Nicht so kurzfristig. Bitte! Ich muss zu meinem Job. Du hast mir doch … Bitte, Mama, du musst Myra nehmen, nur für zwei, drei Stunden. Es ist so wichtig für mich. Ich brauche das Geld. Gestern kam jetzt auch noch die Rechnung für die Heizung.“ Ein kleines verschlafenes Gesicht tauchte aus dem Kinderzimmer auf und lehnte sich blinzelnd an den Türrahmen. „Mama, du kannst mich doch nicht so von jetzt auf gleich hängen lassen!“ Ina bemerkte, dass zwei kleine, noch müde Augen sie beobachteten. „Hallo, guten Morgen mein kleines Mäuschen!“, lächelte sie und schnarrte abweisend ins Handy: „Du, ich muss Schluss machen. Keine Ahnung. Nein, die kann nicht, die ist unterwegs. Nein. Nein. Ich muss schauen. Mach’s gut. Tschüss.“ Ina holte Myra zu sich in Richtung Sofa und stopfte den kleinen, noch bettwarmen Körper unter die Decke. „Oma hat gerade angerufen. Sie hat heute keine Zeit. Sie kann leider nicht kommen. Bist du enttäuscht?“ Myra gab ein paar kleine Laute einer Verneinung von sich: „Dann bleibe ich eben bei dir.“ „Myra Mäuschen, ich muss arbeiten, weißt du?! Da kannst du nicht mitkommen. Vielleicht bleibst du hier zuhause und malst ein Bild? Wenn ich zurückkomme, dann machen wir etwas Schönes zusammen, ok? Jetzt ziehen wir dir erst mal was Warmes an.“
Eine Viertelstunde später saß Myra in einen warmen Pulli verpackt an ihrem Kindertischchen, vor sich einen Stapel mit benutztem, offenbar ausgemusterten Druckerpapier, auf dessen leerer Rückseite sie mit gewagten Strichen Wachsmalfarbe verteilte. Ina, die neben ihr gekauert hatte, stand auf, ging in den kleinen Flur und zog einen Koffer aus dem Regal über der Garderobe, dessen verbogene Schnappverschlüsse sie mit einiger Mühe auf dem Esstisch in der Wohnküche öffnete. Sie zog unter allerlei Klamotten drei durchsichtige, mit Klebeband verschlossene Plastiktüten heraus, die ein weißes Pulver enthielten, deponierte diese versuchsweise in einer Stofftasche und wendete die Tasche in der Luft prüfend hin und her, war aber mit dem Ergebnis unzufrieden. Sie ging nochmals an die Garderobe, um ihren alten Daypack zu holen. Als sie zurückkam, stand Myra am Esstisch und schaute, mit der Nase gerade über der Tischkante, auf die weißen Päckchen. „Was ist das, Mama?“ „Myra!“, entfuhr es Ina, heftiger, als sie es jetzt für richtig hielt, denn Myra sah sie erschrocken an. „Nichts, das ist nichts. Geh wieder malen, ja?“ Myra inspizierte immer noch die geheimnisvollen, offenbar verbotenen Objekte. „Sieht aus wie klitzekleine Schneeflocken. Wie, als wir in den Bergen waren, weißt du noch? Als es so kalt war.“ Ina fasste Myra an den Schultern und drehte sie in Richtung Kinderzimmer. „Ja, Schnee. Sowas Ähnliches. Mal doch mal ein Bild von unserem Ausflug in den Schnee!“ Myra drehte sich nochmal zum Esstisch, um noch einen Blick auf die Beutel zu erhaschen. „Warum taut der Schnee nicht?“ „Weil, weil, dieser Schnee taut nicht mehr. Der ist ganz besonders.“ Myra schien zufrieden mit der Antwort und tapste zurück ins Kinderzimmer. Ina sah ihr nach und merkte erst nach einigen Momenten, dass sie immer noch auf die leere Kinderzimmertür starrte. Mit einem Blick auf die Uhr suchte sie sich ein paar Sachen zum Anziehen zusammen, nichts Auffälliges, aber ordentlich und ein bisschen figurbetont. Sie hielt die Sachen einzeln mit kritischem Blick in die Höhe, suchte nach möglichen defekten Stellen oder Flecken. Die ausgewählten Sachen legte sie nach links auf einen Haufen und zog sich um, strich mit der Hand über Busen, Hüften und Po den Stoff glatt und kontrollierte ihre Erscheinung im Spiegel. „Aus besseren Zeiten“ hatte sie mal in einer Illustrierten über Sozialhilfeempfänger gelesen, die in unangemessen guter Kleidung zur Essensausgabe bei der Tafel erschienen. Ja, dachte sie, aus besseren Zeiten, wie wahr. Ina schminkte sich nur ganz leicht ihre Augen. Als nächstes stopfte sie je eines der Päckchen in eine Einwegwindel und drückte diese auf ein unverdächtiges Maß zusammen. Drei Windeln verschwanden im Daypack, dazu ein Kinderpullover, ein Trinkfläschchen mit Saft und ein Schnuller, alles aus einer Kiste mit Myras abgelegten Dingen. Jacke, Schirm. Handy! Wo war jetzt schon wieder das Handy abgeblieben? Sie fand es erneut in der Sofalandschaft. Schlüssel. Sie eilte ins Kinderzimmer, wo Myra in die Herstellung eines Gemäldes vertieft war. „Ich muss jetzt los! Du bist mein ganz, ganz liebes…?“ Myra sah auf und strahlte sie an. „…Mäuschen!“ „Genau!!!“ Ina nahm das kleine Mädchen in den Arm und drückte es mit liebevoller Kraft, bis Myra prustete und kicherte. Dann setzte sie das Kind wieder auf sein Stühlchen, winkte und verließ die Wohnung, indem sie die weiße Tür mit dem ewig glotzenden Spionauge hörbar klickend hinter sich ins Schloss zog. Während sie vor der beschmierten Aufzugtür wartete, versuchte sie nochmals, ihre Mutter zu erreichen, um sie dazu zu bewegen, in ihrer Abwesenheit vielleicht doch mal – wenigstens kurz – nach Myra zu schauen, aber sie bekam keine Verbindung. Der Aufzug kam und sie bemerkte beim Einsteigen jenes dumpfe, schwere, kobaltblaue Gefühl unterhalb ihres Zwerchfells.
Draußen nieselte es noch immer, ein feiner Sprühregen, der ohne lange Umschweife durch die Kleidung zu dringen schien. Die U-Bahn war nur mäßig besetzt, trotzdem zog Ina es vor sich nicht zu setzen, sondern lieber in der Nähe der Tür stehen zu bleiben. Die Scheiben des Wagons waren mit unverständlichen Buchstabenkombinationen versehen. Eingeätzt. Flusssäure, dachte Ina mechanisch. Als sie sich der Assoziation bewusst wurde, erinnerte sie sich zurück an ihre Zeit im Labor und der charakteristische Geruch nach einer Mischung aus Lösungsmitteln, Säuren und muffigen Abflüssen war sofort irgendwo in ihr präsent. Aus besseren Zeiten, kam ihr wieder in den Sinn. Unauffällig musterte sie die anderen Fahrgäste. Ein Rentner. Zwei Frauen mit kleinen Kindern im Kinderwagen. Zwei ausländisch wirkende Typen, die sich lebhaft unterhielten, deren Sprache sie jedoch nicht einordnen konnte. Eine automatische Frauenstimme im Lautsprecher sagte in hygienisch einwandfreiem Tonfall die nächste Station an, erst in deutsch, dann in englisch. Ina las zum wiederholten Mal das Graffiti auf der Scheibe und ärgerte sich darüber, wie sie zwanghaft alles lesen musste, was ihr ins Blickfeld geriet. Die Buchstaben ergaben immer noch keinen Sinn. In der Nordstadt stieg sie aus und suchte sich ihren Weg zurück an die Erdoberfläche. Der Nieselregen fiel hier auf triste, kantige Industriebauten an vierspurigen Straßen, auf denen Autoreifen feine Schleier aus Wasser aufwirbelten. Ina ging zielstrebig in eine beliebige Richtung, nur um nicht verdächtig wartend herumzustehen. Nach hundert Metern wechselte sie an einer Ampelkreuzung die Straßenseite und lief von dort wieder in umgekehrte Richtung. Eine Bude auf einem zurückversetzten Parkplatz bot gemäß den großen farbigen Darstellungen auf zwei Werbebannern Döner, Brathähnchen, Pizza und asiatische Nudelgerichte an. Aromen mischten sich in den Dampfschwaden und zogen marktschreierisch die Straße entlang. Noch war es zu früh für eine Mittagspause und Kundschaft war nirgends zu sehen. Als Ina die U-Bahnstation wieder passierte, sah sie beiläufig auf die große Uhr und ging ohne Zögern weiter, zielstrebig, ohne jedoch ein Ziel zu haben. Aus dem Nichts trat jemand von hinten rechts auf sie zu, sie spürte es mehr als dass sie es aus den Augenwinkeln schattenhaft wahrgenommen hätte. Gleichzeitig tauchte vor ihr eine Frau auf, kompakt, mit humorlosem Gesichtsausdruck, in Jeansjacke und Jeanshose, der Regen klebte ihre Haare an die Stirn. „Entschuldigung? Können wir Sie kurz sprechen?“ fragte eine sympathische, angenehme Männerstimme hinter Ina. Als sie sich umdrehte, erblickte sie einen in unauffälliges Grau-Braun gekleideten, leicht untersetzten Mann, zu dem die Stimme überhaupt nicht zu gehören schien. Er wirkte eher schlecht rasiert, als dass man die Stoppeln in seinem Gesicht als Dreitage-Bart bezeichnen wollte. Er fingerte einen grünlichen Ausweis aus der Tasche, während er sich gleichzeitig vorstellte: „Heim, Zivilfahndung, das ist meine Kollegin Bernegger. Dürfen wir mal einen Blick in ihren Rucksack werfen ?“ Ina konnte nicht mehr ausatmen. Sie atmete ein und die Luft blähte ihre Lungen, aber das Ausatmen gelang ihr nicht. Sie musste erneut einatmen, diesmal vorsichtiger, da ihre ganzer Körper schon ganz mit Luft angefüllt schien. Wieder schaffte sie das Ausatmen nicht, lediglich ein flaches Hecheln wollte ihr gelingen. Noch einmal Einatmen und sie würde in Ohnmacht fallen, prall angefüllt mit Luft wie ein Airbag. Vor ihrem inneren Auge sah sie Myra an ihrem Kindertischchen sitzen und malen. Sie schaute den Beamten verständnislos an und er setzte ein dünnes, entschuldigendes Lächeln auf. „Ihren Rucksack! Dürfen wir da mal reinschauen?“ „Äh, ja, klar, aber das ist nicht mein Rucksack. Der ist bei uns im Haus liegengeblieben. Ich wollte ihn zum Fundbüro mitnehmen. Sind so Kindersachen drin, die fehlen jetzt bestimmt irgendwo.“ Der Beamte nahm den Rucksack von Ina entgegen und reichte ihn an die Jeansfrau weiter, die ohne Umschweife am Reißverschluss nestelte, aber der Stoffsaum hatte sich in dem kleinen Öffnungsmechanismus verklemmt. „Darf ich bitte mal ihren Personalausweis sehen?“ fragte der Beamte und Ina dachte, wie wenig attraktiv, ja wie gewöhnlich und abgewetzt die Polizisten in der Wirklichkeit daherkamen im Vergleich zu ihren Hochglanz-Kollegen im Fernsehen und fast musste sie trotz ihrer Atemnot über ihren Gedanken lachen. Die Jeansfrau zerrte noch immer am Metallhäkchen des Reißverschlusses, hatte aber bisher nur eine wenige Zentimeter weite Öffnung zustande gebracht. Ina zog ihren Ausweis aus ihrem Portmonee und fragte mit der darreichenden Bewegung: „Kontrollieren sie jeden Passanten, der hier vorbeikommt?“
Die beiden antworteten nicht, der grau-braune Mann studierte den Ausweis, die Jeansfrau linste durch die Öffnung in das Innere des Rucksacks, als plötzlich ihr Handy klingelte, sie zückte es routiniert und warf einen schnellen Blick darauf, dann ein vielsagender Augenkontakt zu ihrem Kollegen, sie bellte „Leonie!“ Der Beamte drückte Ina den Ausweis schnell und achtlos entgegen, die Jeansfrau lies den Rucksack fallen und beide rannten in – für ihre kurzen Beine – überraschender Eleganz die Straße entlang, verschwanden dann an der Kreuzung nach links hinter einer übermannshohen Informationstafel für die ansässigen Unternehmen. Von der Imbissbude zogen sporadisch Aromaschwaden vorbei. Ina begann zu zittern. Sie schlotterte und konnte ihre Hände und Knie nicht länger kontrollieren. Doch sie wollte nur nichts-wie-weg-hier, eilte mit ihren zappelnden Gliedern in Richtung Untergrund und kam sich dabei vor wie ein Clown, der mit albernen Bewegungen die Leute zum Lachen bringen will. Der Bahnsteiggeruch und das Neonlicht nahmen sie gleichgültig in Empfang. Die Sekunden auf der Bahnsteiguhr ließen sich sehr viel Zeit mit dem Verstreichen und wenn man dachte, eine Sekunde sei verstrichen, drehte diese sich nochmal auf dem Absatz um, schaute noch einen Moment nachdenklich drein und übergab dann das Feld an ihre Nachfolgerin. Als der Zug endlich einfuhr, blickte Ina soweit möglich durch die vorbeiflimmernden Fenster in die Wägen, hielt Ausschau, ohne zu wissen wonach und stieg dann schließlich aufs Geratewohl in den Wagen, der direkt vor ihr hielt. Als das Zischen der Druckluft die Türen verriegelte und der Zug anruckte, begann sie zu weinen. Durch den Tränenvorhang erkannte sie am Fenster das Graffiti von vorhin. Sie befand sich in demselben Wagen wie auf der Hinfahrt. Plötzlich verstand sie die Botschaft! Man musste sie einfach von oben nach unten lesen: „New ice age“. Ina wischte sich die Tränen mit dem Jackenärmel ab. Wenn sie heimkäme, würde sie Myra und Teddy ihr Lieblingsbuch vorlesen.