Bis dass der Tod

Bis dass der Tod

Der Oleander verschwendet sich an die von Sonne und Regen gebleichte Natursteinmauer, auf der ein Salamander in der Sonne badet. Pralle lila-rosa Wolken leuchten über den mehligen, unregelmäßigen Brocken, in denen Braun und Ocker eingesprenkelt ist. Der Ginster grüßt schüchtern herüber, ein wenig neidisch, ein wenig bewundernd. Olive und Feige wachsen um die Wette, sie werfen impressionistische Schatten auf das gelbgrau gedörrte Gras, das borstig und brüchig einem Sommerregen entgegenfiebert. Eine Armee von Rosmarin hat sich von den weißgrauen Feldsteinen der Hausecke auf den Weg gemacht, den Garten zu erobern. Nur die scharfkantigen Waffen eines Fressfeindes werden der Kompanie noch Einhalt gebieten können, aber offenbar regt sich kein Widerstand. Mag sein, Schlangen und Skorpione verbergen sich im hohen Gras unter den ansehnlichen Findlingen, um gegen allzu siegessichere Möchtegern-Feldherren zur Hilfe zu eilen.

Des morgens, wenn die orange-metallische Sonne arglos hinter dem verwaschenen Pastell der Berge hervorschaut, ahnt man noch nicht, wie gründlich und kompromisslos gegen den ausgedehnten Mittag alles von ihr ausgeglüht wird, als wolle sie die Höfe und Dächer der Häuser sterilisieren. Das Leben, das am Morgen noch die Frische der violetten Nachtluft genossen hat, ist längst ausgewichen und wartet auf seine Zeit. Erst am späten Nachmittag macht das tiefstehende Licht das Weinlaub zwischen den Trauben plastisch, verwandelt die hohen, filigranen Gräser in gleißende Gespinste und das verlassene Nachbarhaus mit seiner einladenden Terrasse in einen verwunschenen Ort. Die grellblauen Fensterläden der Häuser öffnen sich, die Steine der Mauern und Plätze geben ihre Tageswärme bereitwillig ab und ein leichter, aber bestimmter Windhauch auf der Veranda wird zum Aufatmen des abendlichen Tages.

In der Küche klappern und klirren die Kochutensilien, Musik mischt sich in der entspannten Luft mit Aromen von Basilikum, Knoblauch und Geröstetem, ein weißes Tischtuch breitet sich gnädig über die vom Wetter spröde gewordene Tischplatte und verleiht ihr so uneigennützig ein festliches Gewand und eine ungewohnte Wichtigkeit. Der schwere Glanz von Weingläsern und die blinkende Eleganz zweier Kerzenständer zwischen Porzellan und Besteck schüchtern die Betrachterin eher ein als sie einzuladen, so dass sie sich mit gespielter Weltgewandtheit und einem Aperitiv in der Hand mit dem Rücken an die Steine der warmen Hauswand lehnt und abwartet.

Erika kommt mit einem Tablett voll mit Antipasti in den Händen aus der Küche und setzt es auf dem Tisch ab. Sie wirkt eher klein, aber quirlig und hat unzählige freundliche Lachfalten im braunen Gesicht.

„So nehmen Sie doch Platz, Lea! Ich darf Sie doch Lea nennen? Ach, ich bin ja so froh, dass Sie mich besuchen. Wissen Sie, hier ist natürlich nicht viel los. Und in meinem Alter sind die Freunde nicht mehr so spontan, um mal eben ein paar hundert Kilometer zu fahren für einen Besuch und ein Badewochenende am Meer. Da sind es dann gleich Reisen, die geplant werden wollen, abgestimmt mit allen Beteiligten, mit Gepäck und Routenplanung und und und.“

Erika nötigt Lea in einen der Verandastühle am Tisch und verschwindet zurück in die Küche, um eine beschlagene Flasche Weißwein zu holen, bevor sie sich ebenfalls an den gedeckten Tisch setzt und mit routinierten Handgriffen den Korkenzieher betätigt. Der strohgelbe Wein gluckert in die Gläser, die ebenfalls beschlagen, und Lea trinkt ihren Aperitiv aus, um mit ihrem Weinglas anstoßen zu können.

Erika verteilt Antipasti auf zwei Teller, während sie schwärmt: “Ach, wunderbar, dass es geklappt hat, meine Liebe. Hier, greifen Sie zu. Die Gegend hat viel zu bieten, was Kulinarik angeht. Trüffel natürlich, aber auch erlesene Käsesorten, Salami und luftgetrockenten Schinken. Und Oliven natürlich. Probieren Sie, sie werden sehen, eine Aromaexplosion im Mund. Als hätten Sie noch niemals Oliven gekostet. Wussten Sie, dass weltweit prämierte Olivenöle hier in der Gegend produziert werden? Im Herbst sollten Sie mal hierher kommen! Wenn die Traktoren mit überbordender Olivenernte auf den Anhängern zu den Ölmühlen tuckern. Das sieht dann aus wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen. Es wimmelt von Menschen in den Olivenhainen, man möchte gar nicht glauben, dass hier so viele Menschen leben. Ach Lea, kosten Sie hier von dem Fisch, ganz frisch aus dem Meer. Schmeckt komplett anders als alles, was man in Deutschland bekommt. Schmeckt Ihnen der Wein? Ein Zalo, der wächst hier in der Ebene, sieht aus wie ein Desertwein, ist aber wundervoll würzig und trocken.“ Lea bemüht sich, Erikas Empfehlungen zu folgen, kostet von den Speisen und vom Wein, macht zustimmende, genießende Laute mit geschlossenem Mund und nickt anerkennend. „Was für ein Tag ist heute? Ich meine, welcher Wochentag? Dienstag? Mittwoch? Wissen Sie, Lea, man kommt hier komplett raus. Es gibt nichts, was die Tage unterscheidet. Das war schon so, als Richard noch lebte, mein Mann wissen Sie? Wir sind hierher gezogen. Als er sich zur Ruhe gesetzt hat, haben wir dieses Haus gesehen, uns darin verliebt und dann haben wir es gekauft und renoviert und den Garten angelegt. Gefällt Ihnen der Garten? Jetzt ist alles wunderbar eingewachsen, der üppige Duft der Blüten und der Kräuter, die Bäume geben Schatten. Sie hätten den Hof sehen sollen, als wir hier einzogen! Das war ein schönes Stück Arbeit. Aber Richard und ich, wir hatten eine Vision. Wir sahen den Garten vor unseren inneren Augen, wie er einmal werden würde und wie er dann auch geworden ist. Riechen Sie diesen Duft? Dieses herbe Frische? Das ist eine Hopfenart. Hat Richard angepflanzt als kleine Homage an die Heimat. Wir dachten nicht, dass er hier wächst, aber er fühlt sich offenbar sehr wohl. Riechen Sie das?“ Lea kaut auf einem Stück geräucherten Schinken und schluckt es eilig herunter, um auch einmal etwas zu sagen.

„Leider nein. Meinen Geruchssinn habe ich verloren. Nach einer Virusinfektion. Ich kann praktisch keine Aromen wahrnehmen, nur durch den Geschmackssinn, nicht durch die Nase.“

„Mein Gott, das ist ja schrecklich! Ich habe von solchen Dingen gehört, aber bisher noch niemanden getroffen, der darunter leidet. Das muss ja furchtbar sein. Die ganzen Düfte des Sommers, die würzige Luft im Herbst, das Aroma der Speisen! Alles verloren? Sie Ärmste! Was für ein Schicksal. Man denkt sich manchmal aus, wie es ist blind zu sein. Oder taub. Und man kann sich die Welt vorstellen, wie sie dann ist, man kann die Augen schließen oder sich die Ohren zuhalten. Aber keinen Geruchssinn?! Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt. Ich kann es mir nicht vorstellen. Wissen Sie, mein Richard hat ja mit dem Alter am Ende auch fast nichts mehr gesehen. Zeit seines Lebens war er ein Augenmensch. Wir sind weit herum gekommen. Er war ja im diplomatischen Dienst. Alle zwei Jahre eine neue Dienststelle, ein neuer Einsatzort, ein fremdes Land. Da gab es soviel zu sehen. Wir haben Reisen unternommen an die ungewöhnlichsten Orte, an die ein Tourist niemals gelangen wird. Er hatte aber auch eine ungewöhnliche Gabe, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Das hat ihm in seinem Beruf viel geholfen. Er war von ausgesuchter Höflichkeit, hatte tadellose Umgangsformen, kannte die korrekten Anreden der Würdenträger und Minister und die Dienstgrade der Offiziere. Und so ein stattlicher Mann! Ich habe mich damals sofort in ihn verliebt, das war auf einem Bankett, wissen Sie? Eine Prüfung in seiner Diplomatenausbildung. Da wurden aus den umliegenden Schulen und von der Universität zwanzig junge Mädchen gesucht, um an dem Bankett teilzunehmen, als Statistinnen sozusagen. Ich hatte mich natürlich auch beworben, und was soll ich sagen: ich hatte Glück. Wir haben uns selbstverständlich herausgeputzt, ich weiß noch, wie mir meine Mutter argwöhnisch beim Schminken zugeschaut hat. Erst war sie kategorisch dagegen, dass ich zu diesem Bankett gehe, aber dann kam ein offizielles Einladungsschreiben auf dickem, handgeschöpften Büttenpapier mit einem aufgeprägten Briefkopf. Ich habe das Schreiben noch heute, ich hab es immer aufbewahrt. Jedenfalls wurden wir Mädchen in einen Saal geführt und die angehenden Diplomaten haben sich uns formvollendet vorgestellt. Und da ist es dann passiert. Ich habe Richard angesehen und muss knallrot geworden sein. Ich konnte nur noch stammeln wie eine Geisteskranke. Aber er hat gleich erkannt, wie es um mich steht, und hat mir mit freundlichen Worten und geistreicher Konversation aus der Patsche geholfen. Wir waren ja so verliebt.“

Erika macht eine Pause und schaut gedankenverloren in eine ferne Vergangenheit, die sich irgendwo hinter dem Rosmarin befinden muss. Lea nutzt die Gesprächspause: „Wegen des Hauses, Frau …“

„Ach bitte, nennen Sie mich Erika. Ich finde das einfach persönlicher, wissen Sie? Ich habe das immer so gehalten, auch mit dem Hauspersonal. In Sri Lanka zum Beispiel, da hatten wir eine ansehnlich Villa als Dienstsitz, Richard war damals Wirtschaftsattaché und wir wohnten in einem Seitentrakt direkt im Botschaftsgebäude und die Bediensteten der Botschaft standen uns dort auch zur Verfügung. Ohne einheimisches Personal ist man in fremden Ländern ja praktisch aufgeschmissen, das Einkaufen alleine auf den vielen Märkten in der Stadt, wo bekommt man die frischesten Gemüse, den besten Fisch? Aber auch das Reinigen des Hauses, Besorgungen aller Art wie Schneiderarbeiten und solche Dinge. Aber ich habe die Leute immer gebeten, mich Erika zu nennen, damit nicht so ein Gefälle entsteht, das erinnert mich immer an die Kolonialzeiten. Richard war da anders, er musste natürlich auch darauf achten, dass die Disziplin und die Hierarchie gewahrt blieb, das war Teil seines Jobs, seiner Rolle sozusagen. In La Paz war es nicht ganz so feudal. Wir wohnten dort in einer großzügigen Altbauwohnung in San Jorge. Richard war für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zuständig, damals noch vor der Wiedervereinigung, da hatten wir oft Geschäftsessen bei uns zuhause, Industriepartner, aber auch Besucher aus Deutschland. Das ging ohne Haushaltshilfe natürlich nicht. Wir haben aber auch oft die Dienste eines der umliegenden Restaurants in Anspruch genommen, die haben dann die fertigen Speisen angeliefert und unsere Küche nur zum Warmhalten und für das Servieren genutzt. Es war immer sehr stilvoll, obwohl mir La Paz überhaupt nicht gefallen hat, es liegt mir einfach nicht, irgendwie freudlos, wissen Sie? Dabei liegt San Jorge ja unten im Tal und ist klimatisch begünstigt. Oben im Norden ist es mir wegen der Höhe immer zu kühl gewesen. Aber atemberaubende Touren haben wir zusammen erlebt, in die Berge, in die Wüste, das ist schier unbeschreiblich. Diese gemeinsamen Erlebnisse haben uns zu einer untrennbaren Einheit zusammengefügt.“ Lea lächelt Erika an und sucht nach einer Route von Bolivien ins Hier und Jetzt: „Nach dem aktiven Dienst Ihres Mannes sind Sie dann hierhergezogen und haben das Haus hergerichtet? Warum wollen Sie sich nun davon trennen?“ Erika, die etwas Wein nachgeschenkt hat, stellt die Flasche zurück in den Kühler aus unglasiertem, rauhen Ton, und winkt mit der Hand ab: „Ach, eigentlich will ich das Haus ja gar nicht verkaufen. Es ist bis unter das Dach randvoll mit unseren Erinnerungen. Und wissen Sie, Richard ist ja für mich hier immer noch anwesend. Das Haus beherbergt unsere Sammlung aus vielen Ländern, von unseren Reisen: Möbel aus indischem Mangoholz, zeremonielle Gegenstände der kanadischen Ureinwohner, Kalebassen, Halbedelsteine aus Merzouga, Bücher mit Geheimschriften, die wir auf der Gami al-fana in Marrakesch gefunden haben, kostbare Gefäße mit Medizin, mit den Drogen der Mapuche in Chile etwa oder mit dem Ahnenbalsam der Toraja auf Sulawesi, japanische Tuschezeichnungen eines berühmte Zen-Meisters kann ich Ihnen zeigen oder eine Tschonguri aus dem Kaukasus. Buchstäblich unser ganzes Leben steckt in diesem Haus. Aber seit mein Richard verstorben ist, wird für mich alles immer beschwerlicher, verstehen Sie, was ich meine? Das Haus liegt sehr abgeschieden, hier im Ort sind nur noch drei Häuser bewohnt, zum Einkaufen, zum Arzt fährt man fast eine halbe Stunde. Und es ist ja auch immer etwas zu machen, eine Tür klemmt, die Wasserleitung tropft, um solche Dinge hat sich mein Richard immer gekümmert. Und dann der Garten, Sie sehen ja selbst, die Natur erobert sich das Grundstück zurück, Handbreit für Handbreit. Ich bin nicht mehr die Jüngste. Da habe ich meine Nichte in Deutschland gebeten, das Haus zu inserieren, da im Internet, sagt man so? Ich kenne mich damit natürlich überhaupt nicht aus, ich habe nicht mal einen Computer. Schlimm genug, dass ich mich mit diesem Dings, mit diesem Handy herumschlagen muss. Wenn Nicole, also wenn meine Nichte mir nicht ständig unter die Arme greifen würde! Sie erklärt mir das immer und immer wieder, ganz geduldig. Ich vergesse das ja alles sofort. Nicole ist wirklich ein Schatz. Wenn ich die nicht hätte. Sie arbeitet als Eventmanagerin, so heißt das wohl. Organisiert Firmenfeste, Konzerte, das Stadtfest von Heilbronn hat sie ausgerichtet, letztes Jahr, oder warten Sie, nein das Jahr davor. Die Zeit vergeht ja so schnell. Ich weiß noch, als Nicole ganz klein war, ich nenne sie immer meine Nichte, dabei ist sie die Enkelin meiner Schwester, müssen Sie wissen. Wir haben uns selten gesehen, sehr selten. Wir waren ja ständig im Ausland, Richard und ich. Hin und wieder mal gab es ein Familienfest, ja klar, da sind wir dann manchmal angereist, wenn es sich gerade ergab. Nicole hat uns einmal besucht, nach dem Schulabschluss ist sie mit dem Rucksack durch die Welt gereist, da lebten wir gerade in Georgien und sie hat ein paar Wochen bei uns gewohnt. Platz hatten wir ja zur Genüge und es war eine willkommene Abwechslung.“ Lea hakt ein: „Hat ihre Nichte Sie hier auch besucht? Hat dieses Haus ein Gästezimmer?“ Um dem Geschehen eine Wendung zu verleihen, steht Lea auf und betrachtet das Haus, die Arme in die Hüften gestützt. Erika erhebt sich geradezu wieselflink, ihr Alter oder mögliche gesundheitlichen Einschränkungen sind ihr nicht anzumerken. „Kommen Sie, kommen Sie, ich führe Sie herum. Dann bekommen Sie gleich einen eigenen Eindruck. Hier entlang. Dies ist die Küche.“ Der Raum ist eigentlich gar nicht so klein, aber man kann sich kaum darin bewegen. Ein Tisch, mit indianischen Mustern bemalt, steht in der Mitte, darauf eine arabische Lampe. Kupfertöpfe und -pfannen hängen glänzend an den Regalen, in denen zerfledderte Bücher und Kladden stehen, Vorratsdosen mit japanischen Schriftzeichen, daneben eine Farbvielfalt von Gewürzen. An der Wand ist mit einem kleinen Sprossenfenster, dessen Fensterläden geschlossen sind, gibt es einen Spülstein und einen altertümlich wirkenden Gasherd. Orientalische Tücher mit weiß-blauen Ornamenten schmücken die Wände, Kerzen und Windlichte stehen in großer Zahl in den Regalen und auf einer Anrichte. Der Küchenboden ist mit roten Ziegeln gefliest und man muss beim Gehen acht geben, dass man nicht stolpert. Erika erklärt wortreich den Ursprung der Einrichtungsgegenstände und führt Lea dann von der Küche in den Wohnraum, der durch drei raumhohe Glastüren mit einer zweiten Veranda verbunden sind. Der Wohnbereich quillt noch viel mehr als die Küche über an kleinen und kleinsten Dingen in den zahllosen, eng stehenden Regalen aus filigranem dunklen Holz, sie liegen auf den arabischen Tischchen und zwischen den ungezählten Büchern, Dinge, deren Zweck man oft nicht einmal erraten kann. Erika nimmt ein kleines verschlungenes Metallgebilde aus Gold aus einer Vitrine und hält es Lea zur Ansicht hin: „Wissen Sie was das hier ist?“ Lea betrachtet das Ding von allen Seiten und schüttelt den Kopf. Erika schmunzelt in sich hinein: „Das ist ein Penisschmuck aus Neuguinea. Die Eingeborenen stechen die Nadel von außen in die Harnröhre, so…“, sie macht zur Verdeutlichung eine Handbewegung, „… und ziehen das lange Ende oben an der Eichel wieder heraus. Dieser Bogen wird dann um die Eichel gewunden. Ich fand das Stück immer sehr attraktiv. Ich habe es als Brosche an meinem Kostüm getragen. Sie verstehen sicher, dass ich nichts von alle dem wegwerfen kann. Ich kann gar nichts wegwerfen.“ Sie deutet auf das Sofa, auf dem Bettzeug zusammengelegt ist. „Und hier können Sie schlafen. Ich schlafe oben im Schlafzimmer.“ Lea ist von Erikas Plan einer Übernachtung überrumpelt und macht eine abwehrende Geste: „Nein, nein, das ist gar nicht notwendig, ich fahre nachher zurück in die Stadt.“ „Ach Kindchen, Sie können es sich ja noch überlegen. Sie sind herzlich willkommen.“ Mit diesen Worten steigen sie die enge, steile Treppe hinauf ins Obergeschoss und werfen einen Blick in das überraschend modern eingerichtete Bad. Es ist bisher der einzige Raum, der nicht komplett überfrachtet wirkt mit Andenken und Ausstellungsstücken, und der zum Aufatmen geradezu einlädt. Lediglich drei bunte orientalische Lampe stehen auf dem Kachelboden und farbenfrohe, indianisch anmutende Tücher sind unter der Decke gespannt. „Und hier ist noch das Schlafzimmer,“ Erika deutet auf eine weitere, etwas schiefe Tür mit wohnlichem Kassettendesign und alter, geschwungener Türklinke. Als Lea hinter Erika ins Schlafzimmer tritt, kann sie im schwachen Dämmerlicht kaum etwas erkennen, einen Kleiderschrank, der an der Giebelseite des Daches in die Schrägen eingepasst ist, ein Schminktisch, das ungemachte Doppelbett, auf dessen hinterer Seite etwas unter einer Bettdecke liegt, eine Person, so sieht es aus, sehr dunkel, man erkennt oben am Kopf dünnes, weißes Haar, ein Arm in einem Pyjamaärmel liegt auf der Zudecke, die skelletierte Hand ragt knöchern über die Bettkante hinaus. Leas Realität zerfällt in ihr zu Asche. „Ist das … das ist nicht…“ Wenn sie das gesagt hat, dann tonlos, atemlos. Sie findet keinen Halt in ihrer Wahrnehmung. Sie kann eine Rettung nirgends sehen, geschweige fassen, obwohl ihre Arme blind danach rudern und fuchteln. Sie schlägt die steile Treppe hinab, bricht sich nicht das Genick, krabbelt aufstehend panisch ins Freie, das aussieht als sei nichts geschehen. Ist es ja auch nicht. Alles ist, wie es immer war.