Austreibung

Austreibung


Mareike machte sich über mich lustig. Wir standen mit einigen wenigen anderen Touristen in der gedrungenen, romanischen Kirche. Die dunkelblau-violetten Kirchenfenster ließen kaum etwas von dem gleißenden Tageslicht draußen herein und die soliden Säulen und Gewölbe wurden hier und da von gelbem Kerzenlicht erhellt. Der Reiseführer hatte uns die bedeutenden Gemälde und Fresken angepriesen, jedoch nicht den beschwerlichen, kopfsteingepflasterten Weg bergauf erwähnt. Oben auf dem Hügel angekommen, verschnauften wir bei einem Rundblick über die Stadt unter uns, die im glastigen Licht des späten Vormittags wie mit Pastell gemalt dalag mit ihren Terrakottadächern, schattigen Gassen und von Zypressen gesäumten Straßen. Wir wendeten uns dem massiven Holzportal über den Stufen zu und ich hatte ein ungutes Gefühl, eigentlich den Wunsch, unverrichteter Dinge umzukehren. Auf den Stufen saßen im Schatten alte Frauen, vielleicht fünf oder sechs, sie beteten und jede hatte ein Gefäß oder einen Teller vor sich stehen, mit dem sie Geld sammelten. Es wirkte nicht wie Bettelei, eher wie eine Art Dienstleistung: Gebet gegen Geld. Ich weiß nicht, was mich zurückhielt, was mich beklommen werden ließ. Aber Mareike zog mich am Arm weiter und wir passierten die alten Frauen, die Kopftücher trugen und Jacken oder Mänteln und die für die Jahreszeit viel zu warm eingepackt erschienen. Sie hoben nicht die gesenkten Köpfe, als wir an ihnen vorbei die Stufen emporstiegen. Ein Flügel des Portals stand offen und wir betraten die angenehm blaue Kühle. Die Augen mussten sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen, die Füße bewegten sich vorsichtig auf dem unebenen Steinboden und so hielten wir einen Moment inne. Es war in diesem Moment, als eine der alten Frauen auf den Stufen draußen sich wieselflink erhob und uns nacheilte. Ich entsinne mich noch, dass ich dachte, wie klein sie ist, nicht viel größer als ein Schulkind. Und so beweglich, wie man es für ihr offensichtliches Alter nicht für möglich gehalten hätte. Sie stellte sich leicht gebückt vor mich, fuchtelte mit ihrer rechten Hand vor mir herum, die linke Hand fasste ein Kreuz, das sie um den Hals trug. Ihre Augen funkelten mich böse an und sie murmelte einige Worte, die ich nur undeutlich vernahm. Mareike, die in ihren Studentenjahren viel in Italien unterwegs gewesen war und recht passabel italienisch sprach, hätte vielleicht erfasst, was die alte Frau gemurmelt hatte, bevor sie sich abwandte und wieder ihren Platz auf den Stufen vor der Kirche einnahm. Aber Mareike blickte währenddessen in Richtung einer kleinen Seitenkapelle in der drei Reihen Opferkerzen in malerischer Umgebung still die kleine Apsis ausleuchteten. Sie hatte von dem Vorgang mit der alten Frau überhaupt nichts mitbekommen. Alles ging so schnell, dass es selbst mir anschließend unwirklich vorkam. Das einzige Wort, das ich von dem Gemurmel der Alten verstanden hatte, war „demone“. Dämon! Ich war wirklich verwirrt, weil ich von einem solchen Vorgang noch nie gehört hatte, geschweige denn Teil dessen geworden war. Meine Verwirrung stieg noch, als ich Mareike darauf ansprach und zur Kenntnis nehmen musste, dass sie von all dem nichts bemerkt hatte. Als ich ihr davon berichtete, schaute sie mich erst verständnislos an, ließ sich alles noch einmal haarklein von vorne erzählen, um dann spöttisch lächelnd zu kommentieren: du machst halt Eindruck auf die Frauen, mein Lieber. Mir war überhaupt nicht zum Scherzen zu Mute. Dämon? Hielt mich die Alte für einen Dämon? Glaubte sie, dass ich von einem Dämon besessen war? Oder war sie einfach nur verärgert, weil ich keine Münze in ihre Schale geworfen hatte? Wenn ich ein Dämon war, warum kam sie dann zu mir und behexte mich? Oder versuchte sie den Dämon in mir auszutreiben? Ich stand eine Weile ratlos da und beobachtete das Portal, aber dort rührte sich nichts. Dann kamen zwei weitere Besucher und ich erwartete, dass ihnen ein ähnliches Ereignis widerfuhr. Aber sie betraten unbehelligt das Kirchenschiff, scherzten flüsternd über die angenehme Temperatur, die die Menschen zu Kunstliebhabern zu machen schien, und schlenderten, die Köpfe im Nacken und die Augen zu den Deckenfresken erhoben, in Richtung Altar. Mareike zog mich weiter in die Kirche und meinte, ich würde mich doch nicht von einem solchen Hokuspokus ins Bockshorn jagen lassen. Und tatsächlich hätte ich noch vor einer Viertelstunde über einen solche Gedanken lauthals gelacht. Aber nun, da ich Teil des Geschehens geworden war, sah die Welt mit einem Schlag ganz anders aus. Überhaupt erschien mir plötzlich die Kirche mit ihren dunkel-geheimnisvollen Fenstern, den flackernden Schatten, die das Kerzenlicht hierhin und dorthin warf, und mit dem Widerhall der Schritte im Kirchenschiff auf eine ungewohnte Art wirklich, als habe sich mein Bewusstsein mit einem Schlag für Sinneseindrücke ganz neu geöffnet. Ich spürte mich atmen und hatte plötzlich Angst, meine Atmung könne jeden Moment einfach aussetzen und ich müsse mich konzentrieren, um jeden einzelnen Atemzug auszuführen. Mich befiel der Gedanke, dass die Alte mich nicht für einen Dämon hielt, sondern mir den Dämon eingepflanzt hatte, ganz ähnlich wie ich es vom Warzenabstreifen beim sonntäglichen Kirchgang auf der schwäbischen Alb gehört hatte. Wir beendeten unseren Rundgang und ich bestand darauf, die Kirche durch einen Seiteneingang zu verlassen. Das ließ Mareike wieder spöttisch lächeln, sie schlug mir leicht mit der Hand vor die Brust und nannte mich „ihren kleinen Dämon“. Durch die inzwischen brettharte und knochentrockene Mittagshitze gelangten wir zurück zu der kleinen, freundlichen Pension, in der wir abgestiegen waren, durchquerten den Innenhof mit seinen zierlichen Tischchen und den geschwungenen Stühlen aus schwarzem Schmiedeeisen, zwischen denen Palmen in großen Terrakottatöpfen geradezu wucherten, und legten uns in unserem stets abgedunkelten Zimmer zur Siesta nieder. Während Mareike sofort einschlief und friedlich vor sich hin schnurgelte, konnte ich keinen Schlaf finden. Etwas war unruhig in mir und so recherchierte ich auf dem Handy alles über Dämonen, über die antiken Geister, über die Teufelsgesandten des christlichen Mittelalters und die Dschinns des Orients. Das beruhigte mich einigermaßen, da all diese Geschichten so märchenhaft und phantastisch waren, dass sie mit meiner konkreten Situation nichts gemein zu haben schienen. Ich fiel in einen dünnen Schlaf und träumte offenbar unruhig, denn irgendwann weckte mich Mareike vorsichtig, indem sie mir eine Hand auf die Stirn legte und besänftigend auf mich einsprach. Ich erwachte und sie beschrieb mit einer kleinen Falte zwischen den Augenbrauen, ich hätte um mich geschlagen und unverständliches Zeug von mir gegeben. Offenbar machte sie sich nun auch Gedanken über meinen Zustand, vielleicht nicht aus dem Blickwinkel einer möglichen dämonischen Besessenheit, aber sie spürte, dass ich mich verändert hatte und dass es mir nicht gut damit ging. Wie es ihre praktische Art war, begann sie mit mir alle Aspekte des Geschehens rational zu analysieren. Sie erkundigte sich nach allen Einzelheiten meines Befindens, fand meine plötzliche Bewusstseinserweiterung nachvollziehbar, ebenso meine schweren Träume. Sie versicherte mir, dass sie nach wie vor nicht an Übersinnliches im allgemeinen und an Dämonen im besonderen glaube. Anschließend diagnostizierte sie so etwas wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Meine Besessenheit bestünde lediglich in meiner Angst, besessen zu sein. Der Dämon sei ich selbst, respektive mein Unterbewusstsein. Ich hört ihr schweigend zu, weil ich auch nichts zu der Diskussion beizutragen hatte. Als sie geendet hatte, entstand eine Wortleere, die auf neue Gedanken wartete. Ich lauschte angestrengt in mich hinein, ob da noch irgend etwas Ungewöhnliches aufzuspüren sei, aber da war nur diese Sorge, nicht mehr Herr der Situation zu sein, weil mein Unterbewusstsein offensichtlich ein Eigenleben führte. In meinem Verständnis saß eben genau dort der Dämon, der in mich und in meine Geisteswelt eingezogen war. Er hatte keine Tiergestalt, verführte mich nicht zu teuflischen Handlungen und leider befähigte er mich auch nicht, übernatürliche Dinge zu tun. Er war einfach da und er störte mich und meinen Frieden. Ich bat Mareike, mir zu helfen, diesen Dämon wieder los zu werden. Ich wollte wieder meine Unbeschwertheit zurück, die ich vor unserem Kirchenbesuch als eine Selbstverständlichkeit hingenommen hatte. Mareike nickte gedankenvoll und zückte ihr Smartphone, um einer Idee nachzuforschen. Nach einer Viertelstunde klarte ihr konzentrierter Blick auf, sie forderte mich ohne große Erklärungen auf, mein Sakko und meine Schuhe anzuziehen und ihr zu folgen. Wir gingen unerwartet lange durch die violetter werdenden Gassen der Altstadt, bogen nach den Angaben der Wegbeschreibung auf Mareikes Handy immer wieder überraschend scharf rechts oder links in Seitengassen ab, bis ich komplett die Orientierung verloren hatte, und als ich es gerade Leid war, unbeantwortete Fragen nach unserem Ziel zu stellen, blieben wir vor einem Hofeingang stehen. Mareike versicherte sich nochmals kurz wegen der Adresse und betrat dann den Innenhof an dessen Ende sich recht versteckt hinter einer roten Tür ein schmales Fachgeschäft für Whiskey befand. Mein Blick muss sich aufgehellt haben, denn Mareike nickte mir vielsagend zu. Wir standen gerade vor dem Regal mit Pot Still Whiskeys, als ein sehr gepflegter Mann mit einem sehr gepflegten, graumelierten Bart und in sehr gepflegter Kleidung hinter uns auftauchte und uns fragte, soviel konnte ich verstehen, ob er uns behilflich sein könne. Mareike erklärte ihm in ihrem fließenden Italienisch offenbar meine Situation, ich verstand etwa nur jedes vierte Wort, aber definitiv fiel der Begriff „demone“. Ich konnte nicht glauben, dass sie diesen fremden Menschen in meine Situation eingeweiht hatte, und schaute sie nachdrücklich fragend an. Doch der graumelierte Herr nickte verständnisvoll, dirigierte uns jedoch in eine andere Ecke des Ladens, wo sich seiner Einschätzung nach die richtigen Gegenmittel befanden. Auf unserem Weg dorthin wuchsen die Preisangaben an den ausgestellten Flaschen, wie ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, erst um fünfzig und dann um weitere hundert Euro. Ich erkannte 35 und 40 Jahre alte Highlandwhiskeys in Fassstärke mit Barolofinish und die Preisschilder erzeugten ein ungesundes Flimmern vor meinen Augen. Mareike und der distinguierte Whiskeyfachmann unterhielten sich lebhaft in italienisch, ich blickte etwas hilflos von der einen zu dem anderen und die Diskussion mündete dann offenbar in der alternativen Auswahl zwischen zwei tiefgoldbraun leuchtenden Flaschen, eine 18 Jahre lange Quarter-Cask Reifung im Bourbonfass First Fill mit PX Finish von der Isle of Skye, die andere ein 16 Jahre alter Whiskey aus Campelltown, der vor seinem Oloroso Finish in Portweinfässern gereift war, leicht getorft schmecken sollte und eine Fassstärke von 52,6% aufwies. Mareike entschied sich für die Isle of Skye, zückte, als sie den Preis hörte, ohne mit der Wimper zu zucken ihre Kreditkarte, deutete auf zwei Nosinggläser auf dem Kassentresen, die sie ultimativ als Dreingabe verlangte und wir verließen den Laden mit einem kleinen Schatz in einer Papiertüte. Als wir die Strandpromenade erreichten, schickte sich die Sonne gerade an, ein Bad im Meer zu nehmen. Wir zogen unsere Schuhe aus, setzten uns in den warmen Sand, ich entkorkte die Flasche und füllte uns etwas von der kostbaren, öligen Köstlichkeit in die Gläser, die wir vor die orangerote Sonne hielten und ein wahres Feuerwerk ergoss sich über uns. Wir saßen den ganzen Abend bis in die Nacht dort, tranken und betrachteten den Abendhimmel und später die Sterne, die unzählbar und geheimnisvoll funkelten und andere Welten beherbergten und irgendwann, ohne dass ich es bemerkt hätte, muss der Dämon verschwunden sein. Meine Erlebnisse des Tages, der atemberaubende Blick auf den Sternenhimmel und der zunehmende Rausch bescherten mir das Gefühl, wie wenig wir von dieser Welt verstanden und wie wenig wir je verstehen würden. Die Schuhe in den Händen machten wir uns barfuß auf die Suche nach unserer Pension.