Dornröschen kehrt zurück

Dornröschen kehrt zurück

Sandra gleitet unauffällig in die kleine Pension am Stadtrand, die den verschossenen Charme der Sechzigerjahre ausstrahlt. Auf Garderobe ist selbst zu achten. Zwei kleine Tische langweilen sich im engen Foyer, auf Wunsch wird hier auch ein Filterkaffee oder ein Weinbrand serviert. Der Gummibaum vor dem gelblichen Butzenfenster spiegelt sich auf dem Linoleum. Mit einem vielsagenden Blick von Frau zu Frau reicht die lebenskluge Rezeptionistin einen der altmodischen Schlüssel an einem jener störrischen Schlüsselanhänger herüber, auf dem die Zimmernummer eingraviert ist: es ist wie immer die Nummer Sieben, am Ende des dunklen Flurs mit dem fremden Hausgeruch. Im Gegenlicht des Zimmerfensters betritt eine schlanke Frauensilhouette leise das Zimmer.

Dominik liegt angezogen auf dem Bett und ist eingenickt. Sandra kickt leise ihre Sandalen auf den Teppich, tapst auf Zehenspitzen zum Bett hinüber und legt sich ganz eng neben den warmen, schlafenden Körper, wovon Dominik erwacht. Er schliesst sie in den Arm, zieht sie eng an sich, streicht ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und küsst sie sanft von der Schläfe bis hinab zum Hals und hinter dem Ohr. Ihre Altstimme schnurrt in einem tiefen Ton.

Sie treffen sich einmal in der Woche, immer donnerstags. Sandra bringt nachmittags die Jungs zum Fussball und fährt danach zu Dominik in die Pension. Der gemeinsame Donnerstag ist der schönste Tag der Woche, der folgende Freitag verfliegt im Rausch des Glücksgefühls, durch das Wochenende trampelt die Familie wie eine Rinderherde und am Montag ist übermorgen schon wieder der Tag der nervösen Vorfreude. Der Donnerstag portioniert ihren Alltag in überschaubare, in verdaubare Abschnitte. Der Donnerstag ist das verlockende Dessert in einem ansonsten phantasielosen Speiseplan eines wenig ambitionierten Kantinenkochs.

Sex haben sie nie. Und auch noch nie gehabt. Das ist gut so, Sandra reicht es schon, mit ihrem Mann einmal pro Woche stets das gleiche Programm im Bett abzuturnen. Ohnehin sind Dominik und Sandra nicht mehr von dieser lustvollen Prallheit eines neuen Volleyballs. Mit den Jahren ist der Ball erschlafft und abgewetzt von den Schmetterbällen. Doch ihre Seelen sind schön, auf eine wunderbare Weise.

Auf dem Bett liegend, Sandras Kopf auf Dominiks Bauch, rauchen sie gemeinsam. Abwechselnd ziehen sie und reichen sich die Zigarette zwischen zwei Fingern weiter. Eigentlich hat Sandra schon zu Beginn der ersten Schwangerschaft aufgehört. Aber der leicht blaue Rauch steigt in so unbeschreiblich eleganten Schleifen und Ranken von der orangeroten Glutspitze hinauf in die flacher werdenden Sonnenstrahlen.

Kennengelernt hat sie Dominik bei einem Schulfest der Kinder, sie waren die einzigen, die nach der Feier noch geblieben waren, um aufzuräumen. Wie sie so Schulter an Schulter, Hand in Hand arbeitend die Sitzbänke in der Sporthalle aufstapelten und die Deko abhängten, berührten sich ihre Körper und sie spürte mit einem mal, was ihr fehlte. Von einem Moment zum anderen war da Aufmerksamkeit, ein lebhaftes Interesse. Und diese unkomplizierte Ehrlichkeit (oder war es Echtheit?), die es in ihrer Ehe nicht mehr zu geben schien, die der Gleichgültigkeit gewichen war oder einer ausgeleierten Bequemlichkeit, vielleicht auch der Scham.

Im Sommer hat Sandra einmal, einer spontanen Eingebung folgend, den alten Sessel in das sonnenbeschienene Viereck vor dem Fenster von Zimmer 7 gerückt, Dominik hat sich hineingeworfen und Sandra setzte sich auf seinen Schoss. Sie liessen ihre Gesichter mit geschlossenen Augen in den warmen Sonnenstrahlen leuchten und redeten über ihre Kinderzeit, lachten über Anekdoten, erforschten das Leben des anderen. Als sich Sandra erkundigte, warum er ein wenig schiefe Zähne habe, gestand Dominik, dass er mit zehn Jahren die Korrekturschiene für sein Gebiss im Klo hinuntergespült hatte, die Familie aber kein Geld für eine neue Schiene besass und man darauf die schiefen Zähne schief sein liess. Sandra kicherte. Dominik fragte sie nach der kleinen Narbe über ihrer rechten Augenbraue nahe der Schläfe. Erst wurde sie daraufhin sehr still, dann erzählte sie stockend von ihrem jähzornigen Stiefvater und brach plötzlich mitten in ihrer Geschichte ab, aber Dominik konnte unschwer das Ende erraten. Er nahm ihren Körper fest in seine Arme, als wolle er sie vor dem erlebten Unrecht bewahren. Im vergangenen November geschah es, dass Sandra sich plötzlich vom Bett erhob, auf dem sie beide lagen, sie straffte sich und sang für Dominik die Bachkantate „Weichet nur, betrübte Schatten“, eine Chorbearbeitung aus ihrer Schulzeit. Da sagte Dominik, er würde für sie beide jetzt die Zeit anhalten. Er schloss die Augen, hob seine Hände vor seiner Brust in die Luft und kehrte seinen Geist einige Momente nach innen, bis er Sandra wieder anblickte und ganz ernst sagte: So, fertig. Und tatsächlich war die Zeit um sie herum stehengeblieben. Nichts bewegte sich, nichts veränderte sich, kein Laut war zu hören.

An ihrem Geburtstag, der einmal zufällig auf einen Donnerstag fiel, wünschte sich Sandra etwas von ihm, etwas ganz Persönliches, etwas Intimes, das sie immer bei sich tragen konnte. Dominik gab ihr sein getragenes T-Shirt (das unverdächtigerweise denen von Sandras Mann zum Verwechseln ähnlich sah), das trug sie von da ab als Nachthemd. Sie überlegte zwei Wochen, was sie ihm schenken könnte. Dann entschied sie sich für einen flachen Edelstein, einen Onyx, den sie einen Tag und eine Nacht in ihrer Vagina trug. Sie zog einen Lederriemen durch die kleine Bohrung im Stein und Dominik hängte ihn sich als seinen beständigen Glücksbringer um den Hals. Er berichtete, als seine Frau ihn einmal auf den Onyx ansprach, habe er geantwortet, der sei ein Geschenk seiner Geliebten. Seine Frau habe nur kurz aufgelacht und sich an die Stirn getippt.

Ihre Ehepartner, ihre Kinder lassen sie sonst nie in ihr Pensionszimmer, nicht gebeten, nicht ungebeten. Dominik und Sandra verbergen sich vor den Litaneien über die neue Balkonumrandung, vor den Nickeligkeiten wegen fettiger Herdplatten und herumgeworfener Turnschuhe, vor dem Lamento wegen Mehltau auf den Rosen im Vorgarten. Stattdessen schliessen sie jetzt die Augen und träumen sich zusammen in ein unscheinbares, schmales Hotel mit bodentiefen Sprossenfenster, das in einer verwinkelten Strasse von Montmartre unterhalb von Sacre Coeur sein verwunschenes Dasein führt. Sie stehen auf dem französischen Balkon und blicken zusammen auf das nächtliche Paris, auf das Quartier Haussmann und weiter entfernt auf den golden schimmernden Place de l’Opera. Unter ihnen auf dem Kopfsteinpflaster der von Laternen beschienenen Gasse schlendern Liebespaare eng umschlungen in Richtung Pigalle. Als sie die Augen wieder öffnen, ist es Zeit.

Sie müssen aufpassen, wenn sie ihr Dornröschenschloss verlassen. Die Stadt ist klein, jeder kennt jeden oder zumindest jemanden, der jemanden kennt. Wie eine ausgetrocknete Graslandschaft, Vorsicht mit Funkenflug! Bevor er geht, untersucht Sandra Dominiks Jacke und sein Hemd auf verdächtige Spuren. Sandra benutzt keinen Lippenstift, auch kein aufdringliches Deo, Parfüm sowieso nicht. Aber wie leicht bleibt ein verdächtiges Haar an einer Naht hängen, Wimperntusche auf dem Ärmel. Sie verabschieden sich lange, leise und liebevoll. Wenn sie sich während der Woche treffen sollten, im Supermarkt zum Beispiel, beim Chinesen oder im Wartezimmer, werden sie aneinander vorbeisehen, sich bestenfalls abwesend zunicken. Dominik sagt: schliess jetzt die Augen! Dann ist er mit einem mal fort, die geschlossene Zimmertür trennt ihre Leben. In der zurückbleibenden Leere setzt sich Sandra auf das zerwühlte Bett und spürt dem Abschiedsschmerz nach. Sie wird zehn Minuten warten, in Gedanken noch in Paris. Wenn sie geht, nickt ihr die Frau an der Rezeption verschwörerisch zu: Wiedersehen. Draussen vor dem bernsteinfarbenen Riffelglas der Haustür ergibt alles einen Sinn, denn alles ist auf eine überraschende Weise wirklich. Die Welt wiegt kaum noch etwas. Dornröschen kehrt zurück in das Reihenhaus, leichtfüssig, lüftet die Einbauküche und bereitet das Abendbrot vor. In der Gesässtasche ihrer engen Jeans spürt Sandra den Druck des flachen Onyx. Als ihre Hand danach tastet, ist er da, glatt und angenehm, die raue Lederschnur kräuselt sich wie immer zu einem unentwirrbaren Knoten. Dornröschen kehrt zurück.