Hundeleben
In der Stellenbeschreibung stand „Facility Management Urban Traffic“. Was bitte soll das übersetzt bedeuten? Die Bezahlung jedenfalls ist mager, aber Lennard braucht nicht viel. Die Miete im Haus eines Freundes, wo er das Dachgeschoss mit zwei kleinen Zimmern bewohnt, ist günstig. Für sein tägliches Leben gibt er kaum etwas aus, nur für Patty, seine Aussie-Dame, spart er an nichts und dann, na klar, das Auto. Das wenige Geld reicht ihm und er hat in der Arbeit meistens seine Ruhe, ist sein eigener Herr.
Jetzt sitzt Lennard im Parkhaus in dem kleinen Glashäuschen in Sichtweite der Ausfahrtsschranke vor den Monitoren, doch er muss auch regelmäßig Rundgänge machen, prüfen ob die Kassenautomaten und die Sensoren für die automatische Verkehrsführung richtig arbeiten und ob die Rauchmelder intakt sind, er muss die Objektive der Überwachungskameras abstauben und im Winter Schnee räumen auf dem Außendeck und in der Einfahrt. Die Sauberkeit im Parkhaus gehört auch zu Lennards Verantwortung, achtlos weggeworfene Verpackungen und Zigarettenkippen muss er einsammeln und die Mülleimer leeren. Erst gestern hatte wieder jemand ins Treppenhaus gekackt. Dann muss der Facility Manager mit Schaufel, Wischlappen und Müllsack anrücken. Denn die Kunden erwarten ein sauberes und tadelloses Parkhaus. Sauberkeit ist seine Visitenkarte, sie macht den Unterschied. Heute putzt Lennard die Scheiben des Glashäuschens, in dem Patty wie ein weiß-graues Fellbündel in ihrem Körbchen liegt und döst, meist mit einer Pfote über dem Kopf. Sie hebt schon lange nicht mehr den Kopf, wenn die Kunden am Sprechloch der Scheibe Fragen oder Bitten haben. Auch heute gegen Mittag kommt eine Paar, vielleicht Mitte fünfzig. Er ist ganz Mann von Welt, eine Sonnenbrille im grau melierten, glatt nach hinten gekämmten Haar, im offenen Mantel leuchtet ein knallig rotes Halstuch. In seinem Windschatten folgt seine Frau im Kostüm und mit hochtoupierter Frisur, ein maskenhaftes Lächeln im Gesicht. In kumpelhaftem Ton erklärt der Mann, dass ihnen – keine Ahnung, wie das passieren konnte – das Parkticket abhanden gekommen ist, aber das ist ja keine große Sache, nicht wahr? Sie fahren gleich mit ihrem dunkelblauen TXC 5 vor, nicht zu verkennen, und Lennard drückt kurz auf den Öffnungsknopf für die Ausfahrtsschranke, keine große Sache, nicht wahr? Lennard blickt den Mann direkt an und schüttelt den Kopf, verlorenes Parkticket bedeutet einen Tagessatz, 24 Euro. Der Mann schüttelt ebenfalls bedauernd den Kopf. Da müsse man doch jetzt keine große Sache draus machen, nicht wahr? Ein kleiner Druck auf den Knopf und die Geschichte ist gegessen. Lennard deutet auf die Tarifinformation rechts neben dem Glashäuschen: Ticket verloren, Tagessatz. Mit der Engelsgeduld, mit der man einem geistig Benachteiligten etwas erklärt, was der durchaus verstehen könnte, wiederholt der Kunde sein Anliegen, während seiner Frau allmählich ihr Lächeln entgleitet. Als Lennard nochmal den Kopf schüttelt, ist der Mann sichtlich genervt und das Gesicht seiner Gattin gerät zu einer Fratze: unverschämter Kerl, hätte er was Anständiges gelernt, müsste er hier jetzt nicht den dicken Maxe markieren und Leute herumschikanieren! Noch in ihre Rede hinein blinkt Lennards Handydisplay auf und zeigt einen Alarm der Einsatzzentrale: Flächensuche für Hundestaffel, Trupp Henni. Vermisste verwirrte Person, Anforderung SEG wegen Nähe zur Autobahn. Als habe sie die Nachricht mitgelesen, setzt sich Patty neben Lennard und schaut ihn aufmerksam an. Kurz darauf meldet sich Henni am Telefon: „Ist deine Ausrüstung klar?“ Ja, Schutzanzug, Helm, Erste Hilfe Rucksack und Hundegeschirr hat Lennard immer im Kofferraum. Koordinaten des Treffpunkts kommen aufs Handy. Den empörten Kunden nickt er freundlich zu und schließt des Glashäuschens ab.
Am Treffpunkt warten bereits zwei Kameraden in der leuchtend roten Kleidung mit dem reflektierenden Schriftzug „Feuerwehr Hundestaffel“ und Henni checkt und verteilt die Funkgeräte. Patty freut sich auf den Einsatz, die Hunde begrüßen sich schwanzwedelnd. Als sie komplett sind, erläutert Henni die Vorgehensweise. Gesucht wird Frau Seiler, die fortgeschritten dement ist. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war vor ca. zwei Stunden hier an der Bushaltestelle Wanderparkplatz. Die Waldwege hat die Polizei erfolglos kontrolliert. Die Rettungshunde sollen nun fächerförmig den Wald durchkämmen, der in Richtung Nordost von der Autobahn begrenzt wird, daher ist Eile geboten.
Lennard geht mit Patty an seiner Seite ein Stück in den Wald, bis sie die Nachbarteams aus den Augen verlieren. Dann lässt er den Hund los: „Such, such!“ Der Wald ist unwegsam und kaum einsehbar, viel Totholz und Buschwerk erschweren Sicht und Fortbewegung. Patty springt elegant über die Hindernisse davon, nur hier und da taucht sie als heller Fleck aus dem Gestrüpp auf, bis sie ganz verschwunden ist. Lennard lauscht konzentriert, ob seine Hündin einen Fund verbellt. Hin und wieder knackt das Funkgerät. Nach einer gefühlten Ewigkeit, und es ist jedes mal eine gefühlte Ewigkeit, kommt Patty angeflogen, bleibt einige Meter vor Lennard stehen und sieht ihn auffordernd an. Lennard macht eine knappe Meldung über Funk. Wenn seine Hündin einen Fund nicht verbellt, sondern rückverweist, hat sie eine Spur gefunden, aber keine Person. Henni bestätigt. Dann folgt er Patty, so schnell es geht, durch das Unterholz. Der Hund springt voraus, wartet auf das Herrchen, springt weiter. So gelangen sie an eine Lichtung, an der sich Patty hinsetzt und Lennard aufmerksam ansieht. Hier hat sie die Spur verloren. Lennard ruft nach Frau Seiler und von einem versteckten Hochstand klagt es herab: „Martin, kein gutes Pilzjahr dieses Jahr!“ Lennard ersteigt die wackelige Leiter, die Dame ist wohlauf, keine Erste Hilfe nötig. Er macht erneut Meldung und hilft Frau Seiler hinunter. Unten wird Patty ausgiebig gelobt und bekommt eine Belohnung: „Gut gemacht, du feiner Hund.“ Patty ist sichtbar stolz. Lennard auch.