Madame P.
Als ich in ihren Haushalt kam, muss sie schon über siebzig gewesen sein. Eigentlich stammte ich ursprünglich aus dem Norden, lebte allerdings schon sehr lange in der Stadt und stand die meiste Zeit bei anderen Familien in Diensten, bevor ich zu ihr wechselte. Ihr Haus war keines der großen oder berühmten Häuser der lokalen Gesellschaft. Trotzdem herrschten eine zurückhaltende Vornehmheit und ausgesuchte Umgangsformen.
Madame P. sah trotz ihres Alters blendend aus, eigentlich sah man ihr das Alter gar nicht an, sondern sie wirkte in all den Jahren, in denen ich sie nun kenne, völlig zeitlos. Sie lebte eher zurückgezogen, hatte nicht viele Kontakte in die Gesellschaft, und wenn, so hielt sie Hof in ihrem Haus und empfing die Besucher in ihrem Salon. Mit denen konnte sie dann jedoch ganze Abende auf dem Sofa verbringen und schien sich dabei blendend zu unterhalten. Früher, als sie noch eine junge Schönheit gewesen war (so stellten wir uns zumindest vor), wird sie gewiss des Nachts in ihren Pelz gehüllt in den Bars und Etablissements anzutreffen gewesen sein und, mit über einander geschlagenen Beinen auf dem Barhocker sitzend, Zigaretten aus einer langen Bernsteinspitze geraucht haben. Nicht nur die Männer müssen nach ihr verrückt gewesen sein. Aber das wäre in jedem Fall lange vor meiner Ankunft gewesen und diese Zeiten wären, wenn es sie gegeben hätte, mittlerweile Geschichte.
Madame P. führte ein kompromissloses, um nicht zu sagen strenges Regiment in ihrem Haushalt. Sie konnte jederzeit und überall unversehens auftauchen und dann sollte sie besser alles zu ihrer Zufriedenheit vorfinden. Nicht, dass sie uns offen schalt oder schimpfte, vielmehr wendete sie sich schweigend ab und man wurde die nächsten Tage nur mit vielsagenden, strafenden Blicken bedacht. Allerdings einmal, als meine Frau und ich später als erwartet von einer Reise zurückkehrten, stand Madame P. bereits auf der Treppe und schrie uns – wenig grazil – mit verzerrtem Gesichtsausdruck von einer erhöhten Stufe herab an. Wir machten, dass wir ihr schleunigst aus den Augen kamen mit unserem sperrigen Gepäck und begannen umgehend wieder unseren Dienst.
Sie bezahlte uns natürlich nicht für unsere Arbeit, es erschien ihr ganz offenbar ausreichend, dass wir unter ihrem Dach wohnen durften. Dafür waren einige ihrer Marotten umso merkwürdiger. Sie stand morgens meistens früh auf und hatte keine Hemmungen, um diese frühe Stunde nach uns zu rufen, wenn sie ihr Frühstück haben wollte. Bei dem durchdringenden Klang ihrer Stimme war dann an Schlaf nicht mehr denken. Was das Essen anging, erschien sie schon recht wählerisch. Hin und wieder rührte sie ein Gericht, das sie nicht mochte, gar nicht an oder nahm nur wenige Bissen und ließ den Rest einfach kommentarlos stehen. In den Fällen dagegen, in denen ihr eine Mahlzeit schmeckte, ein delikates Ragout vom Huhn zum Beispiel oder ein aromatisch duftendes Fischgericht, vergaß sie auch schon mal ihre Zurückhaltung und Etikette und langte herzhaft zu, ohne sich um die verwunderten Blicke um sie herum zu scheren.
Es konnte sogar geschehen, dass sie nachts nach uns rief, wenn sie mal wieder nicht schlafen konnte und dann Langeweile hatte. Einige Male kam sie sogar in unser Schlafzimmer, ohne anzuklopfen natürlich. Meine Frau hatte dafür immer viel Verständnis. Sie ist halt eine alte Dame, das musst du verstehen, pflegte sie zu sagen. Ich fand das, freundlich gesagt, etwas ungewöhnlich, ich sagte aber nichts, um des lieben Friedens willen.
Madame P. genoss es, sich von meiner Frau die Haare kämmen zu lassen. Die Pediküre ließ sie eher nolens volens über sich ergehen, weil sie die Notwendigkeit einsah. Auch für die gelegentlichen Arztbesuche ließ sie sich von meiner Frau begleiten und chauffieren. Nach einem Schlaganfall, den sie glücklich überstand (obwohl es eine Zeit lang gar nicht gut für sie aussah), war Madame P. vollständig gehörlos, was das tägliche Leben wegen der schwierigen Kommunikation erheblich erschwerte. Wenn man in den Raum kam, in dem sie sich bereits befand, so bemerkte sie dies erst, sobald man in ihr Gesichtsfeld trat oder eventuell einen Luftzug verursachte. Dann ließ sie sich nichts anmerken und tat so, als habe sie das Eintreten der Person längst registriert. Nur berühren durfte man sie in einer solche Situation besser nicht, weil sie dann jedes Mal heftig erschrak und einen vorwurfsvollen Schreckensschrei ausstieß.
Je älter sie wurde, desto seltsamer wurde die Dame. Mit dem Hund im Haus etwa, den jemand einmal, eher als Wächter denn als Jagdhund, angeschafft hatte, verstand sie sich nicht besonders. Sie ging ihm, wenn möglich, aus dem Weg. Als sie ihn einmal besonders lästig und aufdringlich fand, hockte sie sich – gar nicht damenhaft – kurzerhand in sein Hundkörbchen und pinkelte auf die Schlafdecke des Tieres, was seine Wirkung allerdings nicht verfehlte: der Hund schlich lange nur noch als Schatten seiner selbst durch das Haus.
Niemand hätte ihr das zugetraut und doch geschah es: einmal tötete Madame P. einen Vogel in ihrem Garten. Es war ein angenehmer Nachmittag im Spätsommer, das Licht zwischen den Blättern der Bäume hatte schon eine pastellfarbene Tönung und Madame P. vertrat sich zu dieser Stunde ein wenig die Beine. An einer Vogeltränke saß eine Meise auf dem Rand der Wasserschale. Es mag gut sein, dass der Vogel bereits alt oder krank war, vielleicht traute er auch der alten Dame keine bösen Absichten zu. Und doch, in einer unglaublichen Schnelligkeit fasst sie ihn und brach ihm das Genick.
Sie scheint das Geheimnis des ewigen Lebens zu kennen. Heute ist sie bereits über hundert. Man merkt ihr das Alter inzwischen natürlich schon deutlich an, sie bewegt sich unsicher, ist wackelig auf den Beinen und manchmal kränkelt sie. Gelegentlich hält sie in einer Bewegung inne und sieht sich um, als habe sie für den Moment die Orientierung verloren oder ihr Vorhaben vergessen. Ihr Appetit und ihr Mitteilungsbedürfnis sind dagegen noch immer beträchtlich, obwohl ihr mittlerweile einige Zähne ausgefallen sind, was sie jedoch gut zu verbergen versteht.
Jetzt liege ich selbst hier krank auf dem Bett, eine dumme Sache, aber na ja, so ist das halt im Leben. Und, was soll ich sagen? Eben tritt Madame P. an mein Bett, betrachtet mich stumm mit ihrem ein wenig pausbäckigen Gesicht und sie scheint auf ihre geheimnisvolle Art sogar zu lächeln, nicht ganz ohne Häme, als wolle sie sagen: wusste ich doch, ich werde dich überleben. Sie springt auf meine Brust, stupst mich mit der Nase an und ihre Schnurrhaare kitzeln meine Wangen. Vielleicht ist das aber auch nur eine freundliche Erinnerung daran, dass noch die Abendmahlzeit aussteht. Also werde ich jetzt mal aufstehen, ja, ja, ich komme ja schon …