Snowfarming
Ich sag’s Ihnen wie es ist: seit hundert Jahren sind wir ein Skigebiet hier und wir werden auch in hundert Jahren noch ein Skigebiet sein. Mögen Sie einen Marillenbrand? Mein Großvater, der ist ja noch als kleiner Bub im Sommer oben auf dem Gletscher Ski gefahren. Das war natürlich eine ganz andere Zeit. Später hat er eines der ersten Skihotels hier im Ort aufgemacht. Und noch heute sind wir das erste Haus am Platz. Unser Kaiserschmarren ist weltberühmt. Und wenn ich sage weltberühmt, dann meine ich weltberühmt. Von überall her kommen unsere Gäste, USA, Frankreich, Australien, aus dem englischen Königshaus. Schauen Sie hier an der Wand die Fotos! Solveig deBrune hat bei uns gewohnt, hier, das ist Prinzessin Soraya, dies ist der US-Senator Vance Aherne. Alle waren sie schon mal bei uns zu Gast. Da können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn so ein amerikanischer Multimillionär hier an der Piste steht, auf diese hässlichen braun-grünen Flecken deutet und sagt „Disgusting!“ Mitten im Winter, wohlgemerkt. Da habe ich mich schon sehr geschämt. „Disgusting“ hat er gesagt. Die Gäste erwarten Schnee! Sie kommen von weit her, um hier ein paar Tage sorgenfrei in einer weißen Winterlandschaft zu verbringen. Und dann so was. Und das ist ja nicht das erste Jahr, letztes Jahr war es fast noch schlimmer als heuer. Im November dachten wir dann, dieses Jahr wird wieder normal, es gab ja anfangs einiges an Schnee. Aber dann blieben die Schneefälle aus und, Sie sehen ja selbst. Es sieht einfach befleckt aus, unrein. Da reden sie in der großen Politik von Klimawandel, gar von Klimakatastrophe. Aber wenn Sie mich fragen, ist das alles ein großer Schmarren. Temperaturschwankungen und schwankende Schneemengen hat es ja doch immer gegeben. Aber statt zu reden von Klima hier, Klima da, sollen die endlich etwas tun! Wir sind schließlich nicht irgendwer! Der Tourismus ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor im Land und wenn ich sage Tourismus, meine ich Skitourismus. Das bisschen Wandern im Sommer, Städtetouren, was weiß ich, das ist doch nicht ernstzunehmen vom Umsatz, wenn Sie verstehen, was ich meine. Glauben Sie im Ernst, George Clooney käme daher, um sich Innsbruck oder Salzburg anzuschauen? Nein, der kommt zum Skifahren! Da kann man doch verlangen, dass die Verantwortlichen sich ein bisschen bewegen und dieses Problem mit dem Schneemangel mal richtig angehen, mal richtig Geld in die Hand nehmen. Ist ja für uns alle! Ich meine, was sie da jetzt seit ein paar Jahren mit den Schneekanonen anstellen, das ist ja schön und gut, aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, nicht wahr. Das reicht gerade mal, um die Pisten anständig zu präparieren. Sonst könnte man ja gar nicht mehr gescheit fahren. Gott sei Dank haben wir die Bergseen in der Nähe, von denen wir Wasser ziehen können für den Kunstschnee. Sonst wären wir ja noch viel ärmer dran. Aber der Kunstschnee ist halt auch nicht das … Da merkt man schon den Qualitätsunterschied. Und die Gäste, die Gäste merken es natürlich! Vor zwei, drei Wochen, da war eine junger Mann zu Gast bei uns, ein Ingenieur aus der Türkei, der hatte gleich große Ideen. Mit dem Heli würde er den Schnee vom Gletscher herabholen, hat er gemeint. Das ist die richtige Einstellung, die unseren Leuten hier fehlt. Anpacken! Probleme lösen! Wenn heute der Schnee ausbleibt, bleiben morgen die Gäste aus. Und es muss ja weitergehen mit unserem schönen Skigebiet. Denn es ist ja immer weitergegangen. Wir haben auch so viel investiert: in unseren VIP-Flügel, wo man nur mit einer besonderen VIP-Karte hineinkommt. Und in das neue Spa mit einem Infinitypool zum Beispiel, von dem aus Sie in die verschneite Landschaft blicken. Nur das die jetzt diese hässlichen Flecken hat, wie eine Hautkrankheit. Snowfarming haben sie jetzt begonnen. Wissen Sie was das ist, Snowfarming? Da wird der Schnee nach dem Winter eingepackt in Stroh und Folie, um ihn über den Sommer bis zum nächsten Winter aufzuheben und dann auf die Pisten zu schaffen. Ist sicher gut gemeint, aber wenn Sie mich fragen, wirkt das erbärmlich. Schnee aufbewahren. In Stroh und Plastik. Ich frage Sie: ist es schon so weit gekommen? Wirklich? Nein, nein, unsere Regierung muss sich endlich der Sache annehmen, sie muss das Problem ernst nehmen und sich nicht wieder wegducken. Und sie muss Geld in die Hand nehmen. Mag sein, Skifahren wird in Zukunft teurer. So wie es früher war. Da sind nicht die Massen an Hausfrauen und Kleinwagenfahrern hier eingefallen, damit ein wenig vom Glanz der großen weiten Welt auf sie abstrahlt. Da war es hier mondän und sehr vornehm. Wenn Skifahren teurer wird, dann kommen halt nur solche Herrschaften, die es sich leisten können. Aber bitte schön: um die müssen wir uns kümmern. Für die müssen wir Schnee herbringen und Wasser. Die Bergseen sind auch bereits nicht mehr so voll wie noch vor ein paar Jahren. Aber solche Probleme gibt es doch auch anderswo. Von Sizilien hört man, dass für die Menschen das Wasser rationiert wird und dass es nicht mehr an jedem Tag aus der Leitung sprudelt. Also für die normalen Leute dort in den Städten und Dörfern, nicht für die Hotelanlagen. Na und, sage ich. Der Tourismus geht eben vor, davon profitiert ja dann auf lange Sicht die ganz Region, das sehen die Leute dann schon ein. So wie hier bei uns. Fragen Sie die Menschen, gehen Sie herum im Dorf und sprechen Sie die Menschen an. Tourismus, werden die sagen! Tourismus! Was nützt mir Wasser, wenn ich keinen Tourismus habe? Noch eine Marille?