Tausend kleine Dinge. Gleichzeitig. Durcheinander.
Der Zugang für Studenten war eine lange Wendeltreppe hinauf am hinteren Ende des Hörsaals. Als Maik die schwere, grau lackierte Kassettentür öffnete, sah er nur drei Studenten vereinzelt in den steil gestaffelten Reihen sitzen. Es war auch erst kurz nach neun und der Professor war frühestens in einer Viertelstunde zu erwarten. Maik setzte sich auf einen der altehrwürdigen Klappsitze, auf denen vielleicht früher mal Mößbauer oder Bothe gesessen haben mochten, und zog seinen Spiralblock und den Stift aus seiner Tasche. Er liebte es, handschriftliche Notizen zu machen, hier und dort etwas zu kritzeln, Dinge auf dem Papier zu verbinden, nicht diese elektronischen Helfer, die mehr Aufmerksamkeit fraßen, als dass sie die Arbeit erleichterten. Als er den Block aus der Tasche zog, purzelte seine Muschel heraus und kollerte ein Stück auf dem Dielenboden, die war sein Glücksbringer und Maik musste sie schnell mit dem Fuß stoppen, damit sie nicht die steile Treppe hinab hüpfte. Er hob sie auf, und hielt sie ans Ohr, so wie er es schon tausendmal gemacht hatte, um dem Rauschen darin nachzuspüren. Sofort fiel ihm der alte Holler wieder ein, der ihm damals die Muschel geschenkt hatte.
Maik hatte sich gelangweilt. Seine Mutter war auf Arbeit, sein Vater war bei seiner neuen Familie, mit denen hatte Maik nur ausnahmsweise mal was zu tun, wenn vielleicht Not am Mann war oder so. Nicht mal zu den Geburtstagen besuchten sie sich. Draußen regnete es gerade in Strömen, da würden Tommy und seine Fußballbande auch nicht auf dem Platz sein. Aber Fußball war sowieso nicht so sehr Maiks Sache. Er stieg das Treppenhaus hinauf bis zum Dachboden, wo damals noch unter den braunroten Dachziegeln die Wäscheleinen gespannt waren und manchmal eine der Mietparteien ihre Bettlaken trocknete, wenn die Dachpfannen ihre stickige Backofenhitze verbreiteten. Heute natürlich nicht, heute kam Maik als Forscher und Eroberer in dieses unentdeckte Land, in dem Gefahren und Abenteuer lauerten und das vom Monsunregen auf dem Dach widerhallte. Da stand einer. Maik hatte kurz überlegt, ob er lieber abhauen sollte, aber dann erkannte er den alten Holler aus dem dritten. Der war zwar immer ein bisschen seltsam, eigentlich sehr seltsam, aber trotzdem einer der nettesten Leute im Haus. „Na du Streuner?! Langeweile? Du kannst mir mal was helfen!“, begrüßte ihn Holler über die Schulter, während er an irgendwas herumwerkelte, an einer Apparatur, keine Ahnung.
„Was machense’n da?“, fragte Maik zurück.
„Ich zeichne den Regen auf mit meinem Rekorder hier. Aber ich muss gleichzeitig das Mikro ausrichten. Hier, halt mal!“
Maik folgte der Bitte, obwohl er nicht die Bohne verstand: „He? Den Regen aufzeichnen?“ (Genau das war es, was Maik mit ‚etwas sehr seltsam‘ meinte. Verstehste?) Holler ließ sich nicht ablenken, fummelte an der Apparatur herum und erklärte nebenher, ganz in Gedanken: „Ich erforsche das Rauschen… “
„Das … wie jetzt?“
„Ja, das Rauschen. Das Regenrauschen. Halt mal ein bisschen höher, stopp, gut so!“ Holler dirigierte Maik, der das Mikro in der Hand hielt, und begann offenbar mit der Messung oder was immer er da machte. Zwei Tonbandspulen begannen, sich zu drehen, und ein Zeigerinstrument an einem elektronischen Gerät schlug zitternd aus.
„Wieso? Ich meine, wofür ist das gut?“
„Keine Ahnung“, versetzte Holler leise mit einem verschmitzten Lächeln in seinem faltigen Gesicht, hielt seinen Zeigefinger vor die Lippen und flüsterte: „Echt nicht. Ich bin einfach neugierig. Deshalb!“ Maik blickte Holler direkt in die Augen, um zu sehen, ob er hier veralbert wurde. Dr. Runge, der immer wütende Biolehrer, trickste so seine Schülern aus. Aber Holler machte sich einfach wieder an seinen Geräten zu schaffen, justierte da etwas, kontrollierte dort.
„Rauschen ist Rauschen. Das ist doch immer gleich. Was gibt es da so Interessantes?“, wollte Maik wissen.
„Geh mal einen Schritt nach rechts. Genau so! Merkst du selbst, wie sich der Ton ändert. So ist jedes Rauschen anders und verrät uns etwas über die Natur da draußen.“
Maik guckte spöttisch: „Ach ja? Und was?“
Holler hatte offenbar genug Rauschen aufgezeichnet und hielt die Bandaufnahme an: „Hilf mir mal runtertragen, dann erklär’ ich es dir.“
Bei Holler in der Wohnung herrschte ein heilloses Durcheinander. Maik war tatsächlich vorher schon mal in dieser Wohnung gewesen, als Mama ein Paket für Herrn Joseph Holler angenommen hatte, weil der nicht zu Hause war, und Maik hatte später geklingelt und das Paket abgegeben. Aber weiter als einen Schritt in den Flur war er dabei nicht vorgedrungen. Nun standen sie in einem Zimmer, von dem Maik nicht mal zu sagen wusste, ob es das Schlafzimmer oder das Wohnzimmer war.
„Leg die Geräte am besten da auf den Tisch!“, bat Holler, der das Tonbandgerät und etwas Kabelsalat auf einer Anrichte abgesetzt hatte, und wischte mit dem Arm einige Papiere beiseite, so dass Maik erkannte, wo dieser Tisch eigentlich stand, von dem die Rede war. Die Wände waren mit Skizzen, Diagrammen und Fotos übersät. In den Regalen stapelten sich in einer nicht erkennbaren Ordnung elektronische Schaltungen auf grünen Platinen, verstaubte Bildschirme und Tastaturen, Tonbänder und Kassetten, bunte Kabel, Steckerleisten, Batterien und anderer Kram.
„Rauschen entsteht dann, wenn tausend gleiche Dinge, tausend gleiche, kleine Dinge nebeneinander, nacheinander, durcheinander, gleichzeitig geschehen. Tausend Menschen flüstern, tausend Gischtblasen schlagen an die Klippen, tausende Atome zittern, tausende Regentropfen fallen auf das Dachfenster, auf das Blech, auf die Dachziegel. Ganz zufällig und doch immer genau das Gleiche. Wenn nur ein einzelner Tropfen fällt, hört man ein Plopp oder ein Platsch oder irgendwas dazwischen. Wenn zehn Tropfen fallen, hört man zehnmal Plopp. Wenn tausend Tropfen fallen, hört man ein Rauschen. Aber das Rauschen besteht aus den Tönen, die jeder einzelne Tropfen macht. Komm wir machen ein Experiment!“
Sie gingen in die Küche, die tatsächlich als solche erkennbar war, auch wenn eine Klappleiter, ein paar Gummistiefel und eine Luftmatratze an der Wand lehnten. Holler nahm drei Schüsseln aus dem Schrank, eine aus Holz, eine aus Porzellan, eine aus Metall. Dann füllte er getrocknete Erbsen hinein und schwenkte sie nacheinander. Das Geräusch hörte sich an wie Regen. Und doch immer anders, je nachdem welche Schüssel man gerade hin und her schüttelte. Maik begann zu verstehen. Als nächstes schüttete Holler die Erbsen zurück in die Vorratsdose und füllte zwei Hände voll trockener Linsen in die Schüsseln. Wieder schüttelten sie die Schüsseln und lauschten dem künstlichen Regengeräusch, das jetzt nochmal anders klang. Wie sie so herumspielten, fiel Maiks Blick auf die Wanduhr: herrjeh, so spät schon! Mama kam gleich von der Arbeit heim und Maik hätte längst die Kartoffeln aufsetzen sollen, die Mama am Morgen noch geschält hatte. Er verabschiedete sich hastig, aber Holler meinte, Maik solle morgen gerne wieder zu ihm kommen, er würde wieder Hilfe benötigen, weil es morgen hinaus ginge.
Als Maik am Abend im Bett lag, konnte er lange nicht einschlafen, weil ihm das mit dem Rauschen durch den Kopf ging. Wenn man mal so darüber nachdachte, gab es überall und immer jede Menge Rauschen. Wenn die Hanseldt von oben das Bad benutzte, rauschte das Wasser in den Rohren in der Wand. Durch das offene Fenster konnte man bei Nordwind in der Ferne den Verkehr auf dem Schnellweg rauschen hören. Wenn man am Knopf für die Radiosender drehte, kam zwischen den Stationen ein rauschendes Geräusch aus dem Lautsprecher. Was hatten diese Dinge gemeinsam? Über seine Grübeleien schlief Maik schließlich ein.
Am nächsten Tag nach sechs öden Stunden Unterricht in der Schule, davon eine Doppelstunde Mathe, eine Stunde Sport und dann auch noch Religion, eilte Maik nach Hause, warf Schultasche und Sportbeutel nur schnell in den Flur und stieg hinauf in den dritten Stock, um bei Holler an der Tür zu klingeln. Zu seiner Enttäuschung öffnete niemand. Er klingelte nochmal, wieder ohne Erfolg. Als Maik sich schon auf den Weg zum Trockenboden machen wollte, schnaufte Holler gerade die Treppe zum zweite Stock hinauf, hielt dort kurz inne und erschien dann auf dem unteren Treppenabsatz.
„Ah, da bist du ja. Ich habe schon mal den Rekorder in den Wagen…“, hauchte Holler tonlos, „muss nur noch die Gummistiefel …“ Als er sich etwas verpustet hatte, fragte er, während er die Füße in die Stiefel quengelte: „Heute geht’s in die Natur. Hast du geländegängige Schuhe an?“ Maik hatte die Schuhe an, die er immer an hatte, zur Schule, gelegentlich zum Fußballspielen und wenn sie Tante Doreen besuchten. Was für Tante Doreen gut genug war, sollte ja wohl für die zu erwartenden Anforderungen auch passen. Sie stiefelten los und Holler zog einen gummibereiften Bollerwagen hinter sich her, auf dem in Plastikkisten seine Ausrüstung verteilt war. Über die Wertheimer gelangten sie bis zur Norres-Siedlung und dann weiter bis zum Schnellweg, den unterquerten sie hinter den Schrebergärten und kamen zum Pömpel, also eigentlich zum Pömperbach, den alle nur Pömpel nannten. Dort hielt Holler an und begann seinen Rekorder aufzubauen: „Heute wirst du staunen!“ Maik fasste an, wo er konnte und wie Holler es ihm anschaffte. Nach einer halben Stunde oder so setzte Holler seine Aufnahme in Betrieb und Maik hielt zuerst das Mikro in Richtung Bach. Holler deutete auf eine Anzeige auf einem Laptop, wo eine Kurve hin und her zappelte. Dann bat er Maik, das Mikro hinauf in Richtung der Bäume zu richten, in denen der Wind rauschte. Die Kurve auf dem Laptop-Bildschirm veränderte ihr Aussehen. Als das Mikro in Richtung des prallen Getreidefelds hinter ihnen gedreht wurde, das wie ein weiter, gelber See wogte, hüpfte die Kurve an eine andere Stelle und folgte dem Rhythmus der Wellenbewegung in den Ähren. Schlussendlich hielt Maik auf Hollers Anweisung das Mikro in Richtung Schnellweg. Wieder veränderte sich Form und Lage der Kurve. „Rauschen ist nicht Rauschen. Auf dem Asphalt radieren die Gummireifen, im Feld tanzen die Gerstenhalme mit einander. Die Blätter der Bäume flattern, der Bach reibt sich an Steinen und Schilf. Immer ein anderes Rauschen! Aber immer tausend kleine gleiche Dinge. Siehst du?“
Maik verstand so ungefähr, was er da sah, aber was, bitte sehr, war der geheime Zusammenhang hinter der Bühne? Er konnte nicht einmal die richtige Frage hierfür formulieren. Sie packten zusammen und zogen den Wagen schweigend gemeinsam nach Hause.
Drei Tage später, als Maik zu Holler hinaufstieg, musste er drei Muskelmännern ausweichen, die Schränke und Kisten abwärts durch das Treppenhaus fädelten. Als er vor Hollers Tür stand, war nur zu klar, dass hier etwas nicht stimmte. Ein hagerer Typ im Anzug mit einem Klemmbrett in der Hand dirigierte die Packer, die immer neue Kisten und Möbel aus der Wohnung trugen. Hinten in der Küche fand Maik Holler mit dem Rücken zur Wand stehend, eingefallen und grau im Gesicht. Maik schüttelte nur still, verständnislos den Kopf, bis Holler sagte: „Zwangsräumung. Ich wusste, dass das eines Tages … “ Zwei Möbelpacker traten zu ihnen und schoben Holler auf die Seite, um einen Küchenhochschrank von der Wand zu heben, der sein Fehlen mit einem weißen Rechteck auf der gelb-grauen Wand reklamierte. Maik wrang seine Hände und wusste nicht, was er tun sollte. Er starrte Holler nur weiter an. Der hagere Klemmbrettträger kam und hielt Holler einen Bogen Papier und einen Kugelschreiber entgegen. Holler unterschrieb, ohne zu lesen. Dann wandte sich der alte Mann gebeugt zum Gehen. Bevor er seine Wohnung verließ, griff er nach etwas, das achtlos auf dem Boden lag und gab es Maik. Es war eine gedrehte Muschel, nicht sehr groß. „Du musst sie ans Ohr halten. Ans Ohr.“ – er machte eine erklärende Handbewegung – „Tausend kleine Dinge. Gleichzeitig. Durcheinander.“ Dann stieg Holler kraftlos die Treppe hinab.
„Damen und Herren!“ Der Professor riss Maik aus den Gedanken. Der Hörsaal war inzwischen, von Maik unbemerkt, zu mehr als der Hälfte gefüllt und das Raunen verstummte mit den Worten des Professors: „Letztes Mal hatten wir die Fourierkoeefizienten für stetige Funktionen entwickelt. Heute wollen wir uns der eigentlichen spektralen Information zuwenden …“