Wie Henrik zweimal auf den Arm kriegte
Das Frauenbad liegt am Waldrand weit draußen vor der Stadt, weil man zur Kaiserzeit Störungen der öffentlichen Ordnung durch den Anblick leicht bekleideter Frauen vermeiden wollte. Nachdem zwischenzeitlich das Baden wegen erhöhter Schadstoffbelastung verboten war, kann heute jedweder wieder unbedenklich im Fluss planschen. Im Vereinsheim neben dem Frauenbad waren sie auf einer Feier mit ein paar Kollegen gewesen und machten sich jetzt auf den Heimweg. Eine Busverbindung gab es dort zwar angeblich auch, aber nachts eher selten und unzuverlässig, wie sich herausstellte. Daher riefen sie lieber nach einem Taxi, das war jetzt also bestellt, ließ aber auf sich warten. Wegen der Veranstaltungen in der Stadt und im Stadion, Sie wissen schon, meinte die Dame in der Taxizentrale.
Jule lag im Wartehäuschen der Bushaltestelle auf der Sitzbank, die aus einzelnen Sitzschalen geformt war, um eventuell dort nächtigenden Obdachlosen das Liegen so ungemütlich wie möglich zu machen. Ihr Kopf ruhte auf Henriks Schoß und sie blickte nach oben auf die blaue Trägerkonstruktion, die an einigen Stellen Rost angesetzt hatten. „Mir ist langweilig“, maulte sie, „erzählst du mir eine Geschichte?“
„Weißt du eigentlich, was ‚TAXI‘ bedeutet?“, fragte Henrik nach kurzem Nachdenken.
„Nö. Nie drüber nachgedacht. Komisches Wort, ne?“
„T.A.X.I. ist eine Abkürzung für ‚Transatlantische Anti-x-Initiative‘.“
„He?“ Jule schaute Henrik von ihrer liegenden Position herauf an, machte sich aber nicht die Mühe, fragend den Kopf zu heben.
Henrik nickte und fuhr fort: „Es war einmal ein schrecklich reicher Mann, der liebte den Buchstaben X über alles. Und da er so reich war und es sich leisten konnte, ließ er sich den Buchstaben X schützen.“
„Wie, schützen?“
„Nun, er erwarb alle Rechte an dem Buchstaben, überall, in jeder Form, ohne Ausnahme. Niemand durfte mehr ohne seine ausdrückliche, schriftliche Genehmigung den Buchstaben X benutzen. Und diese Genehmigung erteilte er nicht. Niemandem. Der Buchstabe X musste deswegen aus allen Texten und aus dem öffentlichen Leben getilgt werden.“
„Hm.“ Jule betrachtete eine ihrer Haarsträhnen aus der Nähe und überlegte eine Weile. „Soviele Worte mit x gibt es ja gar nicht.“
„Oh, sag das nicht. Tausende Worte konnten nicht mehr verwendet werden, was zu einigen Verwicklungen und Verwirrungen im Alltag führte. Das öffentliche Leben kam durcheinander, ein beachtlicher Zusatzaufwand entstand. Vom Aktienindex über Saucenfix und Küchenmixer bis zu den Axiome der Mathematik und der unbekannten Variablen „x“: all dies musste umbenannt werden, die Menschen waren gezwungen, sich an neue Bezeichnungen zu gewöhnen, Bücher wurden neu aufgelegt, Webseiten aktualisiert. Sogar das fehlerhafte Graffiti ‚Der Direx ist ein Wixer‘ auf dem Schulklo musste korrigiert werden.“
Jule kicherte. Nachdem sie im Geist eine Weile in der Welt ohne X herumgewandert war, kamen ihr Zweifel: „Haben sich die Menschen das denn einfach so gefallen lassen? Gab es da keinen Widerstand, keine Rebellion? Wenn sie die alten Worte mit x einfach weiter benutzt hätten, wäre das überhaupt aufgefallen?“
„Ja und nein. Natürlich gab es im Alltag hin und wieder Unachtsamkeiten, Nachlässigkeiten, Ungehorsam, die auch mal Abmahnungen nach sich zogen. Aber es gab auch gravierende Fälle. Ein Autor in Frankfurt zum Beispiel brachte einen kleinen Roman heraus, der hieß ‚Nix für Max‘ und enthielt so viele Worte mit x, wie ihm einfielen. Er handelte von Max, der gerne mit Roxanna Sex haben wollte. Leider hatte Max X-Beine, was Roxanna explizit störte. Andererseits schwelgte Max in exklusiven Luxus, das ließ Roxannas Liebe schließlich waxen.“
Jule stutzte und richtete ihren Kopf nun doch ein wenig auf, sie betrachtete Henrik mit einem Schatten zwischen den Augenbrauen und korrigierte: „Wachsen schreibt man nicht mit x!“
„Dieser widerspenstige Autor schon. In der Geschichte servierte man Lax zum Frühstück und grillte auf Festen ganze Oxen und das Dienstmädchen machte stets einen Knix. Die Villa lag im Grünen, wo sich Fux und Has gute Nacht sagen. Xavier, Roxannas eifersüchtiger Ex-Freund aus Saxen, erlegte Max dann mit einer Büxe. Exitus.“
„Der Autor hat die Buchstaben mit Absicht verwexelt?“
„Davon muss man ausgehen. Denn eine Armee von Anwälten hat ihn in der Folge zur Strecke gebracht. Die hatten keinerlei Humor. Nun ist der Autor pleite und hat eine Multimillionenklage am Hals. Selbst die großzügige Crowdfunding-Aktion konnte ihm nicht helfen. Das war natürlich Absicht, um eine möglichst große Abschreckung zu erzielen. Der verarmte Autor sitzt vermutlich gerade irgendwo in Südamerika in einer schäbigen Absteige und versucht, seine wahre Identität zu verschleiern.“
„Und was geschah mit dem extravaganten Text des extremen Exilanten?“
„Verboten. Ausradiert. Eingestampft bis auf das letzte Exemplar. Solcherart Vorfälle häuften sich immer mehr und deshalb suchten sich die Menschen vorsichtshalber lauter neue Worte ohne X.“
„Was für neue Worte?“
„Nun, Mischschneider für Mixer zum Beispiel, Fischweib für Nixe, Schreibtelefon statt Fax, das Saxophon wurde Goldhupe genannt und Sex hieß nun Paarungsanstrengung. So Sachen halt.“
Jule prustete und zog vor Vergnügen die Knie an.
Unbeirrt setzte Henrik seine Erzählung fort: „Man musste flexibel sein und mit der Zeit verschwand das x aus dem Alltag. Die Taste auf der Computertastatur blieb einfach leer. Das x-Chromosom hieß fortan nur noch „das andere“. Sogar die X-Rays in der amerikanischen Sprache wurden stattdessen einfach nach jenem superreichen Mann benannt, da er der Ansicht war, er hätte das Röntgen ebenso gut erfinden können, wenn er vor hundert Jahren bereits gelebt hätte. Was ihn allerdings wurmte, war, dass sich der Alltag ohne x mehr und mehr normalisierte. Er verlor die Kontrolle über die Menschen und über die Verwirrung der Sprache und das kränkte sein Ego. Da kam er auf die Idee, manche Worte mit x gegen eine Lizenzgebühr freizugeben. Er rechnete sich aus, dass er damit ein gutes Geschäft machen würde. Die erlaubten Worte, für die jemand die Lizenzgebühr zahlte, wurden wieder ins Lexikon aufgenommen. Jedoch boykottierten die Menschen seine Geschäftsidee.“
„Richtig so!“, fand Jule und ihre Wangen waren vor Empörung ein wenig gerötet. „Man darf sich so was auf keinen Fall gefallen lassen! Nicht das Geld, sondern die Gerechtigkeit regiert die Welt!“
Henrik zog die Stirn in Falten: „Gerechtigkeit? Vielleicht auch die Phantasie. Die Menschen sagten weiter Fadenarbeiten statt Textilien, Klangholzspiel statt Xylophon, festdingsen statt fixieren. Es entstand sogar eine dadaistische Organisation, die sich die ‚Transatlantische Anti-x-Initiative‘ nannte und die ironischer Weise für sich ein Wort mit x lizensierte, nämlich für ihre Abkürzung T.A.X.I.“
Die Geschichte drehte sich in Jules Kopf wie ein Karussell. Sie brauchte eine Weile, um die vielen Gedanken einzufangen und in einer geordneten Reihe abzulegen. Zwischenzeitlich kam ein hell erleuchteter Bus die Allee entlang mit einer Bierwerbung auf der Seite und hielt auffordernd am Wartehäuschen. Es war die Linie 196, die fuhr aber über Herness-Altdorf nach Froht oder Klein-Lankow, und von dort könnte man eventuell … wer weiß das schon? Sie winkten dem Fahrer freundlich zu und ließen den Bus einfach weiterfahren, sie hatten ja das Taxi bestellt. Wenn der Taxifahrer vergeblich hier herausfuhr, wäre er zu Recht verärgert.
Jule versuchte, sich etwas bequemer zu legen, stopfte ihre Jacke unter den Rücken und fragte erkennbar interessiert: „Und wie ging das Ganze dann weiter?“
Henrik rieb sich das Kinn und schwieg einige Momente. „Auf ganz unerwartete Weise“, nahm er schließlich den gesponnenen Faden wieder auf. „Es gab da einen Zwerg …“
Jule wandte Henrik abrupt ihren Blick zu: „Einen Zwerg?“
„Ja genau. Einen sehr kleinen, rundlichen Mann, der lebte in einem ärmlichen Land an einem ganz anderen Ende der Welt mit weiten Wüsten und ockerfarbenen Lehmhäusern. Jedoch der Zwerg trachtete dem reichen Mann nach dem Leben. Nicht wegen des Buchstaben x. In der Sprache und Schrift in jenem armen Land gab es gar keinen solchen Buchstaben. Er war vielmehr wütend und verzweifelt darüber, dass jener reiche Mann auch Bomben entwickeln und produzieren ließ. Die wurden natürlich nur für die Freiheit und gegen den Terrorismus eingesetzt, aber leider eben auch in dem besagten armen Land. Diese Bomben waren ziemlich schlau und deshalb sehr gefährlich und wurden X-Bomben genannt. Eine solche Bombe hatte die jüngere Schwester des Zwergs getötet, denn sie lag im Bett ihres Geliebten, eines Rädelsführers, der das Volk aufwiegelte und als Terrorist verfolgt wurde.“
Jule schaute in die Ferne, wer weiß, was sie da sah, und nickte: „Und der kleine, aber stolze Bruder liebte seine Schwester sehr und wollte sie rächen.“
„Genau! Zuerst experimentierte er mit Explosivstoffen wie Acetonoxid. Doch diesen Plan verwarf er, denn der reiche Mann wurde natürlich immer und überall von seinen wachsamen Sicherheitsleuten beschützt.“
„Natürlich“, stimmte Jule zu, „aber was dann? Eine Axt kam ja wohl auch nicht in Frage?“
„Der reiche Mann hatte eine Schwäche für exotische Frauen. Daher gewann der Rächer eine verführerische Dame für sein Vorhaben. Sie war eine Hexe und ihr gelang es, das Vertrauen des reichen Mannes zu erschleichen und verabreichte ihm bei einer günstigen Gelegenheit einen toxischen Mix, den sie zuvor aus einem Oxylotl extrahiert hatte.“
Jule betrachtet eingehend ihre Fingernägel. „Und daran ist der dann verrext?“
Henrik schüttelte den Kopf: „Nein, natürlich nicht. Oxylotl sind nicht giftig. Es könnte höchstens ein Placebo-Effekt gewesen sein.“
Jule richtete sich verärgert auf und boxte Henrik auf den Bizeps: „Blödes Ende. Wenn er nicht wusste … ich meine, wie kann er dann …“
„Da kommt unsere Droschke!“ unterbrach Henrik sie eilig, rieb sich den Arm und deutete auf das Auto, das von der Stadt kommend die Straße nach ihnen absuchte. Er winkte dem Fahrer, der hielt und die beiden stiegen zu und setzten sich auf die Rückbank.
Der Wagen beschleunigte hörbar und Jule war hörbar unzufrieden: „Also der reiche Mann ist gar nicht tot, oder was? Und das x ist demnach immer noch verboten, wenn man keine Lizenzgebühr zahlt? Und überhaupt, warum heißen die Taxis dann nach dieser Transatlantischen Anti Dings?“
Der Taxifahrer blickte in den leicht schräg gestellten Rückspiegel und sucht in Jules Gesicht nach Anzeichen, die ihre Worte in einen sinnvollen Zusammenhang rücken könnten. Dann warf er Henrik einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder auf die dunkle Straße konzentrierte.
Wieder rieb sich Henrik das Kinn, diesmal länger und intensiver: „Du könntest auch mal was zu der Geschichte beitragen, finde ich! Ich habe schon die Wartezeit überbrückt. Wie wär’s, wenn du mal übernimmst?“
„Na, toll“, schmollte Jule, „du fährst die Geschichte in den Sumpf, und wenn es nicht mehr vor und zurück geht, schiebst du mir den Schwarzen Peter in die Schuhe!“
Sie schwiegen sich an.
Der Taxifahrer blickte erneut in den Rückspiegel: „Allet jut bei euch beide?“
„Ach!“, versetzt Jule kratzbürstig und blickte demonstrativ in das Dunkel jenseits des Seitenfensters.
Henrik beugte sich leicht vor und meinte: „Sie fahren doch für die T.A.X.I.-Gesellschaft! Sie müssten doch die Geschichte kennen, dass der reiche Heini das x verboten hatte. Ist der nun tot oder was?“
Der Taxifahrer blickte ein weiteres Mal, nun etwas länger in den Rückspiegel: „Klar kenn ick die Jeschichte. Soweit ick weiß, iss der noch am Leben. Der wohnt da irgendwo hinten in Lichtenberg inner janz kleenen Zwozimmerwohnung. Der kooft im selben Späti wie icke.“
„Ach, ja? Und wo ist sein Reichtum geblieben?“ schnappte Jule.
„Am Arsch, die Dame, am Arsch. Wie et imma so jeht. Mit ein MRT hamse ihm ma in sein Oberstübchen jeleuchtet, da sah ett wohl nich so vielversprechend aus, wa?“
Henrik machte eine ungeduldig drehende Bewegung mit der Hand: „… und dann … hat er … na?“
„Denn hatt er sich besonnen, wat det Wichtigste ist im Leben.“
„Und das ist eine Zweizimmerwohnung in Lichtenberg, ja?“ versetzte Jule in Richtung Fahrersitz und konnte ein kleines Lächeln in ihrer Stimme nicht ganz verbergen.
„Na, wat denn sonst? Ne kleene Katze hat der och, die heißt Xenia oder so.“
„Aha!“ machte Henrik langgezogen, als sei das ein schlagendes Indiz.
Sie fuhren eine Weile, ohne dass es zu neuen Erkenntnissen in der fraglichen Sache kam. Ein Bahngelände begleitete sie ein Stück und die Lampen an den Rangiergleisen bewegten sich in einem nicht entwirrbaren Muster. Dann wurde es wieder dunkel auf dem Weg, die nächtlichen Schatten von mächtigen Laubbäumen säumten links den Weg, hinter denen man mit Fug und Recht ein Gewässer vermuten durfte. Schließlich wurde die Bebauung dichter, sie unterquerten eine Stadtautobahn und nährten sich erkennbar ihrem Kiez.
Jule wagt sich jetzt doch auf das Eis: „Also das mit dem x, ich meine mit dem Verbot und so, das war natürlich nur ein Missverständnis, eine böswillige Desinformation politisch interessierter Kreise. Vorauseilender Aktionismus subalterne Stellen!“ Henrik nickt anerkennend: „Man kennt das ja. Mit besten Absichten, mag sein, aber eben doch frei von jedwedem Instinkt und Sachverstand.“ Der Taxifahrer nickte abwesend: „Sachverstand, janz jenau!“
Als sie vor ihrer Haustür hielten, zahlte Henrik und gab ein ansehnliches Trinkgeld. Er verzichtete auf eine Quittung, bekam aber doch mit dem Rausgeld einen Handzettel gereicht: „Werbung. Müssen wa verteilen, wa? Hat die Zentrale so … Schön Abend noch!“, entschuldigte sich der Fahrer und der Wagen dieselte davon. Als Henrik auf das zweifarbig bedruckte Papier blickte, begann er unterdrückt zu lachen. Auf Jules fragenden Blick reichte er ihr den Flyer: „Besuchen Sie die ‚Transatlantische Anti-x-Initiative‘! Ein dadaistischer Abend, der Sie aus Ihrem gewohnten Alltag entführt in die Welt des schrägen und hintersinnigen Humors!“ Jule blieb der Mund offen stehen: „Hast du das etwa gewusst? Du, du … !“ Henrik, der bereits mit dem Schlüssel an der Haustür nestelte, wandte sich Jule über die Schulter zu: „Wer? Ich?“
Jule boxte ihn ein weiteres Mal auf den Oberarm, er stöhnte kurz auf, hielt sich die getroffene Stelle und die beiden verschwanden hinter der sich langsam schließenden Eingangstür mit dem geriffelten Sichtschutzglas im erleuchteten Treppenhaus.